Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Bildende Kunst und Musik. 671 
gangsstiles im 12. und 13. Jahrhundert den romanischen Stil im 
Grunde beibehielten, wenn sie ihn auch durch tausend eigentlich 
ornamentale Einfälle, andere Fenster- und Friesformen u. dgl. 
ins Reichere hinein variierten. Demgegenüber waren nun die 
Franzosen einen anderen Weg gegangen: genau wie sie neben 
dem deutschen ornamentalen Übergangsstil des 12. und 18. Jahr⸗ 
hunderts in der Baukunst ein neues konstruktives Prinzip, das 
der Gotik, entwickelt hatten, so hatten sie es auch jetzt schon 
früh zu einer neuen strukturellen Bildung der Klaviermusik 
gebracht, indem sie den polyphonen Stil durch einen homo⸗ 
phonen ersetzten. Der Übergang ist charakteristisch genug. Er 
knüpft an die Lautenmusik an. In dieser war schon früh 
gegenüber der Gleichberechtigung aller Stimmen im polyphonen 
Stil, der, auf ein Instrument übertragen, dies gleichsam nur 
als den Träger einer Genossenschaft gleich wichtiger, gegen⸗ 
einander exerzierender Töne erscheinen läßt, eine Stimme als 
die Trägerin der Melodie hervorgehoben worden, und die 
anderen hatten sich zu ihr als dienend, begleitend, nuancierend 
in Verhältnis gesetzt. Dieser Stil wurde nun auf das Klavier 
übertragen: eine Hauptstimme trug klar und einfach die Melodie 
vor, die anderen gruppierten sich um sie in der bloßen Form 
der Ausmalung und Ausschmückung, als Vouten, Cornichen, 
Schnörkelchen im Stile etwa des architektonischen Rokokos. So 
entstand ein erster wirklicher Klavierstil der Homophonie, der 
sogenannte stile galant; und sein Hauptmeister war der 
jüngere François Couperin (1668- 1733). Indem dies geschah, 
entwickelte sich neben der thematischen Differenzierung zugleich 
eine Stimmführung, die der stärksten Schattierung musikalischer 
Empfindungen fähig war: die Grundelemente des subiekti— 
vistischen Klavierspiels waren gefunden. 
In Deutschland hat schon Johann Sebastian Bach, nament— 
lich in seinen französischen Suiten, angefangen, dem neuen 
Geiste zu huldigen wenn auch unter stärkster Beibehaltung 
polyphonen Satzes. Zum Durchbruch aber haben dem neuen 
freien Stile erst seine Söhne Wilhelm Friedemann, der hoch⸗ 
begabte, aber leider zügellose Hallesche Bach (1710 1784) und 
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. 2. 43
	        
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