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Zweiundzwanzigstes Buch.
gesellschaftlich elegant, zierlich, geschmackvoll, dabei von feinster
Sauberkeit der Empfindung und des Handelns, das vor allem
ist die Musik des Meisters. Und so fehlt ihr auch der Froh—
sinn und die Heiterkeit, die sinnige Munterkeit und die hurtig
huschende Gemütsbewegung des Rokokos nicht: eben für diese
Eigenschaften hat er die vollendetsten, neckischsten, glänzendst
bewegten, Ausdrucksmittel gefunden. Aber daneben stehen doch
auch noch andere Züge. Sind sie in dem Distichon Lavaters
richtig bezeichnet:
Etwas mehr als Gemeines erblick ich im Aug' und der Nase,
Auch die Stirne ist gut, im Munde was vom Philister?
Gewiß: erscheint uns Haydn zopfig, so kommt das zunächst
auf Rechnung des allgemeinen Wesens seiner Zeit. Aber
daneben hatte er doch wirklich auch einige Züge des deutschen
Philisters, vor allem dessen Sentimentalität. Nirgends tritt
das deutlicher hervor als in seinen Liedern: hier ist die ein—
fache Munterkeit gelegentlich mit einem Übermaß von Gemüt,
wenn nicht Empfindsamkeit belastet.
Was aber dem Rokoko Haydns noch mehr entwicklungs⸗
geschichtlich eine Schattierung gibt, die über den Durchschnitt
hinausgeht, das ist das sogenannte Volksmäßige. Im Grunde
rrifft diese Bezeichnung freilich so wenig ganz zu, wie etwa
für gewisse Lieder Schubarts, Bürgers oder Lenzens, ja selbst
Goethes, so oft auch Haydn Melodien des sangesfesten Stammes
seiner Heimat und vor allem der Wiener Bevölkerung, ins—
besondere auch Tanzmelodien in seinen Schöpfungen verwendet
haben mag. Denn alle diese Melodien sind doch verändert;
und kann man auch nicht gut schon von einem persönlichen
Melos des Meisters sprechen, so sind sie doch geistreich in die
Empfindungslage einer höheren Gesellschaft hineingehoben. Zu—
treffender erscheint es, von der langgezogenen und dadurch volks⸗
mäßig erscheinenden Melodie Haydns zu sprechen. Der Unter—
schied ist, an den Bachs, Vater und Söhnen, gemessen, außer⸗
ordentlich: dort der melodiöse Fluß noch unterdrückt durch die
alte gebunden⸗-musikalische Erziehung oder durch die aphoristische