Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Bildende Kunst und Musik. 
ors 
Anlage einer Übergangszeit zum Klassisch-Neuen, hier dieser 
Fluß so ruhig, anhaltend und sangerfüllt, daß sich ihm der 
Regel nach geradezu ein Text unterlegen ließe. Ein wichtiger 
Punkt. Denn in diesem Zusammenhange zeigt sich, daß erst 
jetzt die ÜUbergangszeit aus dem Individualismus zum Sub— 
jektivismus mit ihrer Dissoziation des Alten und ihrer erst 
versuchsweisen und rohen Erfassung des Neuen abgeschlossen ist: 
eine neue musikalische Schönheit taucht aus der Flut der Töne 
empor, und Haydn ist ihr erster heiter-frommer Priester. 
Dabei fehlt freilich das sogenannte Volkstümliche nicht, 
wie denn der fortschreitende Subjektivismus sich auf allen 
Gebieten, weil dem Ganzen des seelischen Lebens zugewandt, 
auch in sozialpsychische Tiefen senkt: und das Wienerisch⸗ 
Osterreichische tönt aus tausend Melodien vornehmlich der 
Mittelsätze, wie nicht minder oft aus den tanzartigen Finales 
hervor. Hängt es hiermit zusammen, daß Haydn niemals 
eigentlich tief wird und mehr unterhält, mehr „plauscht“, als 
redet? Persönliche Anlage und Stammesgefühl gingen hier 
wohl unauflöslich zusammen. 
Gegenüber all diesem Neuen erscheinen die Rokokomomente 
bei Haydn doch mehr als letzte, zu gemessener Schönheit bindende 
Überlebsel einer absterbenden Kultur, dann als elementarer Be— 
standteil. Dementsprechend treten sie auch keineswegs überall 
hervor. In den Ecksätzen, wenn es besonders munter zugeht 
und die Musik an sich dick genug erscheint, fallen sie fast weg; 
und der Hauptsache nach nur dann, wenn die Melodie variiert 
wird, werden letzte Sedimente der alten Kunst zur Füllung 
verwendet. In den Mittelsätzen dagegen, in den sentimentalen 
Larghi vor allem, erscheinen noch zahlreiche Blüten zu rokoko— 
mäßiger Einrahmung der Melodie, und trotz aller Sangbarkeit 
sind selbst Erinnerungen an die alten Kirchenstile nicht aus— 
geschlossen. 
So erscheint Haydn als ein erster, in gewissem Sinne 
liebenswürdigster, dem absoluten Tonsystem moch nahestehender, 
der alten Musik nicht grundsätzlich abgeneigter, vor allem aber 
doch homophonischer Meister von langgezogener Melodie und
	        
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