Bildende Kunst und Musik.
ors
Anlage einer Übergangszeit zum Klassisch-Neuen, hier dieser
Fluß so ruhig, anhaltend und sangerfüllt, daß sich ihm der
Regel nach geradezu ein Text unterlegen ließe. Ein wichtiger
Punkt. Denn in diesem Zusammenhange zeigt sich, daß erst
jetzt die ÜUbergangszeit aus dem Individualismus zum Sub—
jektivismus mit ihrer Dissoziation des Alten und ihrer erst
versuchsweisen und rohen Erfassung des Neuen abgeschlossen ist:
eine neue musikalische Schönheit taucht aus der Flut der Töne
empor, und Haydn ist ihr erster heiter-frommer Priester.
Dabei fehlt freilich das sogenannte Volkstümliche nicht,
wie denn der fortschreitende Subjektivismus sich auf allen
Gebieten, weil dem Ganzen des seelischen Lebens zugewandt,
auch in sozialpsychische Tiefen senkt: und das Wienerisch⸗
Osterreichische tönt aus tausend Melodien vornehmlich der
Mittelsätze, wie nicht minder oft aus den tanzartigen Finales
hervor. Hängt es hiermit zusammen, daß Haydn niemals
eigentlich tief wird und mehr unterhält, mehr „plauscht“, als
redet? Persönliche Anlage und Stammesgefühl gingen hier
wohl unauflöslich zusammen.
Gegenüber all diesem Neuen erscheinen die Rokokomomente
bei Haydn doch mehr als letzte, zu gemessener Schönheit bindende
Überlebsel einer absterbenden Kultur, dann als elementarer Be—
standteil. Dementsprechend treten sie auch keineswegs überall
hervor. In den Ecksätzen, wenn es besonders munter zugeht
und die Musik an sich dick genug erscheint, fallen sie fast weg;
und der Hauptsache nach nur dann, wenn die Melodie variiert
wird, werden letzte Sedimente der alten Kunst zur Füllung
verwendet. In den Mittelsätzen dagegen, in den sentimentalen
Larghi vor allem, erscheinen noch zahlreiche Blüten zu rokoko—
mäßiger Einrahmung der Melodie, und trotz aller Sangbarkeit
sind selbst Erinnerungen an die alten Kirchenstile nicht aus—
geschlossen.
So erscheint Haydn als ein erster, in gewissem Sinne
liebenswürdigster, dem absoluten Tonsystem moch nahestehender,
der alten Musik nicht grundsätzlich abgeneigter, vor allem aber
doch homophonischer Meister von langgezogener Melodie und