Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

676 F Zweiundzwanzigstes Buch. 
neuem Schönheitssinn: und unsterblich wird er bleiben in den 
Zeiten des Subjektivismus. Und wie hat er dessen frühe 
Entwicklung durch mehr als ein Menschenalter, immer höher 
steigend und tiefer grabend, begleitet! Bereits aus dem Jahre 
1759 stammt seine erste Symphonie, aus den Höhenzeiten der 
Empfindsamkeit, und schon zeigt sie deren Elemente. Aber 
nicht an der großen Form der Symphonie, obwohl er etwa 
anderthalbhundert Symphonien geschrieben hat, erprobte Haydn 
zuerst vornehmlich die neuen Kräfte, sondern an dem kleinen 
Zyklus des Quartettes: ihm vor allem hat er in den Jahren 
etwa 1760 bis 1780 gehuldigt, wenn auch der glänzende Ab— 
schluß seiner Quartettkunst erst in dem Kaiserquartett von 1796 
(.Gott erhalte Franz den Kaiser“, „Deutschland, Deutschland 
über alles“) erfolgt ist. Von der Kammermusik ist er dann, 
deren Form immer mehr erweiternd, zur Orchestermusik über— 
gegangen: und nun brach die große Zahl seiner Symphonien 
hervor, darunter schon aus den Zeiten höheren Alters als 
die schönsten von allen die zwölf Londoner Symphonien, die 
gelegentlich seines englischen Aufenthaltes (er war zweimal, 
1790 und 1794 in England) entstanden sind. Den Schluß 
aber seiner Lebensarbeit bildeten die beiden Oratorien an der 
Wende des 18. Jahrhunderts, in denen zuerst der voll weltliche 
Charakter der Gattung gewonnen wurde. 
Was Haydn auf dem Gebiete der Instrumentalmusik be— 
gann, hat Mozart in gewissem Sinne vollendet. Freilich: wer 
will die Unsumme von Anregungen ermessen, die zwischen den 
beiden Meistern hin und her gingen: eben in ihnen wurde der 
klassischen Musik unserer Nation die spezifisch österreichische, 
ja wienerische Färbung, wie denn mit ihnen auch nach langen 
Zeiten begrenzt nationalen Charakters die deutsche Musik zum 
ersten Male wiederum internationale Bedeutung errang und 
namentlich in Paris und London unauslöschliche Eindrücke 
hervorrief. Was aber die gegenseitige Beeinflussung angeht, 
so hat Haydn, soviel auch Mozart von ihm gelernt hatte, 
dennoch den jüngeren, lange vor seinen Greisenjahren heim— 
gegangenen Meister wie seinen Lehrer verehrt. Und gewiß
	        
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