Bildende Kunst und Musik. 679
Subjektivismus bedeutet und der Größe des letzten Vollenders,
Beethovens, vorauseilt. Gewiß treten diese Eigenschaften bei
Mozart, wie sie sich teilweise überhaupt nur angedeutet zeigen,
erst spät hervor; so in den herrlichen Arbeiten des Jahres
1788, der Es-dur-Symphonie (Schwanengesang), der G-moll-
Symphonie und der Jupitersymphonie (D-dur; mit der Schluß—
fuge). Aber doch sind sie vorhanden; und nirgends haben sie
an sich vielleicht umgestaltender gewirkt wie in einem der letzten
großen Werke des Meisters, in dem unvollendet hinterlassenen
Requiem. Und wie der Bruch mit dem gebundenen Oratorium
noch Händels und Bachs in der Entwicklung Haydns in ge⸗
wissem Sinne den Gipfelpunkt bedeutet, so läßt sich sagen,
daß Mozart hier, in einer ersten Versubjektivierung einer sehr
alten Form kirchlicher Musik, ganz abgesehen von der unsterb⸗
lichen Schönheit gerade dieses Werkes, vielleicht den bis dahin
höchsten Sieg der subjektivistischen Tonkunst über frühere ge⸗
bundene Formen gefeiert hat. —
Es war die Zeit, in der die Musik zugleich, auf Grund
der Erfolge der letzten großen Meister, eine ganz andere soziale
und damit doch auch entwicklungsgeschichtliche Bedeutung zu
erhalten begann als bisher.
Die älteste große soziale Form der Kunstmusik war die
Kirchenmusik gewesen. Es ist naturgemäß, daß sie mit dem
Zurücktreten der einzigartigen Bedeutung der Kirche als sozial⸗
politischer Einrichtung seit dem 16. Jahrhundert auch ihrerseits
schwand: das 17. und 18. Jahrhundert hatte nicht so sehr
Kirchenmusik im ursprünglichsten und ersten Sinne des Wortes
wie geistliche Musik hervorgebracht. Aber auch die spätere
geistliche Musik, ja die Chormusik der Oratorien, Passionen
und Kantaten Händels und Bachs mit ihren dramatischen
Bindegliedern der Arie und des Rezitativs, verfiel trotz ihrer
verhältnismäßig modernen Form mit dem Ausgange des Zeit⸗
alters des Individualismus. Was blieb, war eine geistliche
Musik zunächst noch der Aufklärungsperiode, ohne kirchlichen
Erust, ein wenig süßlich, ein Parallelerzeugnis gleichsam des
galanten Stiles. In ihr verflachte das Oratorium sogar in