Bildende Kunst und Musik. 691
unverwüstlichen Phantasie erscheinen, sondern schon bestickt und
bemalt und durchwirkt mit Elementen, die das Bild charakteri—
sieren und im weiteren Sinne ihm zugehören. Und wenn das
Melos der Melodie bittersüß sein sollte oder schicksalsschwer
im Gegensatze tragischer und heiterer Empfindungen, dann
erscheint wohl gar eine zum Charakter der Melodie antithetische
Harmonisierung: ein zitterndes Spannungsgefühl wird erreicht;
und wir glauben uns Zerstörungen nahe und Katastrophen.
Bewegt sich der Meister so in allen Welten einer Stimmung,
die völlig frei ist und unberührt von gebundener Macht, die
an die Sterne tastet und an die Schatten der Unterwelt, so
fehlt, bei mancher vlaemischen Derbheit im einzelnen, die aus
den Spalten einer mächtigen Persönlichkeit hervordringt als
ein ahnenreicher Atavismus, dennoch nicht eine Bindung, ein
inneres wie äußeres Maß, bestehen Elemente künstlerischer wie
sittlich-religiösser Erzogenheit. Es sind die Elemente, die
Beethoven erst zum Klassiker gemacht haben bei aller glücklichen
Stellung in der Entwicklungsgeschichte der Kunst und bei aller
Hochflut persönlicher Begabung. Beethoven war selbsterzogen
in Frömmigkeit, wenn auch nicht kirchlich: sein schriftlicher
Nachlaß ist durchsetzt mit dem edlen Metall kurzer Gebete,
Symbolen einer tiefen und unaussprechlichen Hingabe an das
Unendliche; und wer vernimmt nicht über und unter den musi—
kalischen Fluten der „Missa solemnis“ den Orgelton religiösen
Ringens und endlich sieghaft gebliebener Uberzeugung? So
besaß der Meister schon früh, mindestens als Disposition, ein
inneres Maß der Dinge; und wo seine Ansicht gleichsam
exzentrisch zu werden scheint zu dem künstlerischen und affektiven
Kosmos der Zeit, spricht dennoch eine letzte und leise Stimme
aus ihm das fromme Wort: „Was ist der Mensch, daß du
seiner gedenkest!“ Da kann denn auch eine gewisse äußere
Bindung nicht fehlen. Man versuche, Schumann wie Beethoven
zu spielen oder Beethoven nach Schumanns Art, und man
wird sie empfinden. Nichts schon von der verschwommenen
Weichheit der Romantik, kein Verlassen der alten Herbigkeit
des 18. Jahrhunderts: und vor allem, entschiedenes Festhalten