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Zweiundzwanzigstes Buch.
Übersicht erschwert wird und die Einheit beinahe ganz ver—
loren geht.“ Verfasser der Kritik war Karl Maria von Weber:
nicht nur über seine Zeit, auch über die Besten des kommenden
Geschlechtes schon war Beethoven hinausgewachsen.
Über die „Eroika“ haben die folgenden Symphonien dieser
Periode bis zur achten einschließlich in mancher Hinsicht nicht
hinweggeführt. Charakteristisch ist, daß die Skizzen zu der
ausgeglichensten und gedankenreichsten unter ihnen, der in
C-molll, bis zum Jahre 1801 zurückreichen. Freilich: die Kunst
der musikalischen Durchführung wuchs außerordentlich; auf
diesem Gebiete hat der überaus genaue und technisch kaum je
mit sich zufriedene Meister niemals gerastet und ununterbrochene
Fortschritte gemacht; und in dieser Hinsicht vermittelt wohl
die achte Symphonie den Eindruck der größesten Reife.
Charakteristisch ist bei alledem, daß im Verlaufe dieser
Kompositionen gewisse Jahre hindurch, etwa um 1805 und
1806, das romantische Element, sonst bei Beethoven nur ein
Stimmungstyp nebeu vielen anderen, etwas stärker durchklingt;
so namentlich in der Einleitung der vierten Symphonie, so
auch in der um die gleiche Zeit entstandenen großen Klavier—
sonate in F-moll (Op. 57), der „Appassionata“. Es war ein
Durchgangsmoment, wie sich deren außer bei Schiller vor—
nehmlich auch bei Goethe eingestellt haben: hat man die
O-mollSymphonie mit dem Faust verglichen, so mag man in
diesem Zusammenhange wohl Wilhelm Meisters gedenken. Und
wie hier innere Berührungen der größten deutschen Phantasie—
künstler der Zeit stattfanden, so brachte der Schluß dieser
Periode, das Jahr 1812, auch ihre persönliche Begegnung.
Es war eine Zeit, da Beethoven sich ganz dem Genius Goethes
mit aller, seinem Charakter noch eben möglichen Aufopferung
genähert hatte; im Jahre 1810 war die Musik zum „Egmont“
entstanden, danebenher liefen die schönsten Kompositionen
Goethischer Lieder („Mignon“, „Neue Liebe, neues Leben“). Daß
die beiden Großen einander verstehen würden, war freilich aus—
geschlossen. Goethe blieb auf musikalischem Gebiet wie auf so
manchem anderen ein Mann der Mitte des 18. Jahrhunderts