Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Sweiundzwanzigstes Buch. 
hier äußerlich zunächst auffällt, ist die ungeheuere Verwachsen⸗ 
heit des Melodiösen; tausend Melodien und Teile solcher sind 
durcheinandergewoben: es ist, als sprächen nicht Stimmen, 
sondern Gesellschaften von Stimmen und Chören. Dabei ist 
der sinnliche Körper der Musik auf das geringste Maß be— 
schränkt, und die früher noch nicht seltenen Blüten mehr reiner 
Tonschönheit sind abgestreift und verweht; kaum daß man noch 
ihre Spur findet. Da ist alles der Ausdruck eines tiefen Grübelns 
und tragischen Träumens, der bloße Ernst von einstmals mit 
seinen noch immer wunderbar frischen Spiegelungen in Humor 
und Groteske ist von ihnen abgelöst; ganz fast ist die vlaemisch⸗ 
rheinische Heiterkeit geschwunden, und an der Stelle des einst 
pathetischen Erzählers waltet und kündet der Philosoph. Und 
mas er ausspricht, ist feierlich, mystisch, religiös, fast kirchlich 
im Sinne der Kultusformen einer erst zukünftigen, neuen Ge— 
meinde der Heiligen; wer wird nicht Töne des Parsifals hier 
vorgeahnt, ja, angeschlagen finden! 
Natürlich, daß damit eine neue musikalische Formgebung, 
ein Rütteln schon an den Lehren der herkömmlichen Harmonie 
verbunden war. Schildern wir zugleich den Eindruck der letzten 
großen Orchesterwerke, so sehen wir, wie sich unter genialer 
Abwandlung der Formen einer archaisch gewordenen Musik 
eine neue kontrapunktische Schreibweise durchbildet, wie die 
Anfänge der modernen Fuge und fugenartige Sätze auftauchen, 
die nicht mehr nach der strengen Schulformel der Quinten⸗ 
fuge durchgeführt sind, wie endlich die Modulation das Gängel⸗ 
band des regelmäßigen Wechsels zwischen Tonika und Domi— 
nante abwirft. Dabei weiten sich die Satzformen: immer neue 
Glieder und Zwischenglieder sprießen hervor; immer tiefer 
wird das Atmen der Musik unter der Belastung durch einen 
unendlichen Gefühlsgehalt. Und alledem wird nun der her⸗ 
kömmliche Zirkel der Harmonie nicht mehr gerecht; ein wahres 
Wühlen in den Tonelementen beginnt, und Dissonanz auf 
Dissonanz entwindet sich dem Streben nach Charakteristik des 
Unendlichen. 
Es ist das letzte Herrschaftsringen eines Meisters sonder—
	        
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