Bildende Kunst und Musik.
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einmal herabgestiegen sei auf diese schmerzensreiche Erde. Und
in diesem Sinne wurde ihm der Kultus der Freude das Symbol
einer künftigen, als möglich gedachten, weil schon einmal er—
lebten Regeneration der Menschheit: und früh schon suchte er,
dem dunklem Drange seines Wesens folgend, diesen Zusammen—
hang; schon 1793 wollte er Schillers Freudenlied komponieren,
und im Beginne des neuen Jahrhunderts, in dem Heiligenstädter
Testament, einem der tragischsten Denkmäler unserer Geschichte,
bittet er Gott verzweiflungsvoll um „einen reinen Tag der
Freude“. Was aber sein Herz durch Jahrzehnte bewegte, hat
er in vollstem Herzensergusse tönend erst erlebt und tönend
offenbart in der Neunten Symphonie. Denn die Erlösung zur
Freude ist der bewegende Grundgedanke dieses Kathedralbaues
unter den symphonischen Werken der letzten Jahrhunderte: zur
Freude nicht im Dienste der Sinnlichkeit, nicht im lustvollen
Ausruhen griechischer Religion in Gott, sondern zur Freude
schöpferischen Wirkens. In ihr wird die Welt dereinst siegen,
in ihr der Mensch erhöht werden über den Jammer der Ver—⸗
gangenheit, in ihr sich die Menschheit verbrüdern zu einer
einzigen Humanität und einem Gedanken Gottes. —
Bei aller Tragik seines Lebens darf Beethoven doch wahr⸗
lich glücklich gepriesen werden. Denn er hat sich vollenden
dürfen. Mochte er auch noch eine zehnte Symphonie und
andere Dinge planen: in der Neunten hat er als in einem klaren
Testamente der Nachwelt vermacht, was er ihr sein konnte.
Und wer sieht nicht, daß er mit seiner Philosophie der Freude,
wie schon Schiller und Goethe in anderer Art, die Brücke
schlägt von der ersten Periode des Subjektivismus zur zweiten:
zu Richard Wagner und seiner Regenerationslehre, zu den
Ahnungen schon Ludwigs und Hebbels und zu der halsstarrigen
Gewißheitslehre vom Übermenschen Nietzsches? Jenes Sehnen
nach einer neuen Sittlichkeit und nach einem neuen Glauben
var in ihm, wie es die volle Entfaltung des Subjektivismus
einmal zu befriedigen bestimmt ist: einer der Frühesten war
er, der da die Augen aufhob zu den neuen Bergen, von denen
die Hilfe kommen soll; und so werden seine Melodien die
Lamprecht, Deutsche Geschichte VIII. 2. 45