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Zweiundzwanzigstes Buch.
Ferner unterscheidet Locke diese Ideen, deren einige, z. B.
den Zeitbegriff und namentlich den Substauzbegriff, er schon
sehr eingehend untersucht', von den Eigenschaften in den Dingen
jelbst: es ist das tiefste Grundmotiv für die Grenzbestimmung
des Erkennens, bis zu welchem er vordringt: durch die ge—
gebenen Ideen werden uns die entsprechenden Eigenschaften
der Dinge bewußt: doch sind diese ebenso primitiv wie die
Ideen; in dieser Hinsicht ist die Wahrnehmung die Grenze
des Erkennens; über sie hinaus denken wir nur noch formal.
Mithin sind verborgene Qualitäten, substantielle Formen und
Jenseitigkeiten der Empfindung leere metaphysische Grübeleien.
Locke kannte also schon formelle Vorstellungen, deren Ur—
bilder, wie er sich ausdrückt, durch den Verstand selbst erzeugt
werden, also nach späterer Bezeichnung apriorische Vorstellungen.
Aber er blieb von der Theorie dieser Begriffe als Ganzem doch
noch weit entfernt, er kannte weder ihre Funktion genauer
aoch ihre ganze Bedeutung für die Erfahrungserkenntnis, es
entging ihm ihre grundlegende formgebende Bedeutung, er
konnte sie weder vollständig ableiten noch ihren gültigen Ge—
brauch begründen, und wäre auch auf dem von ihm ein—
zgeschlagenen Wege der Untersuchung tatsächlich nie imstande
gewesen, zu einer klaren Lehre von diesen Begriffen zu ge—
langen, da er die apriorischen Vorstellungen von den sinn⸗
lichen trennte und die letzteren jenen zeitlich vorangehen ließ.
So hat er in seiner Lehre der unmittelbaren Wahrnehmungen
wohl die Materie des Erkennens bestimmt und begrenzt; aber
dem Erkennen selbst, namentlich seiner Form nach, die richtigen
Brenzen zu setzen, das gelang ihm nicht.
Hatte nun Locke die durch die Reflektion gleichsam zum
Stehen gebrachten Vorstellungen psychologisch zu zergliedern
begonnen, etwa im Sinne einer psychologischen Statik, so
1Zeit ist ihm im Grunde nicht eine einfache Idee, sondern die
Modifikation einer solchen, der Dauer. Vgl. Riehl, Philos. Kritizismus
1, 44: „Die periodischen Himmelserscheinungen dienen uns nur als kon—
dentionelles, praktisches Maß der Zeit; in Wirklichkeit bleibt das eigent—
liche Ansdehnungselement die pfychologische Dauer.“