Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweiundzwanzigstes Buch. 
zu vermeiden wie das blinde Mißtrauen des Skeptizismus in 
dieser Richtung; nicht auf die Realität der Erkenntnis, sondern 
auf das Erkenntnisvermögen war zu achten: das Wie der 
Erkenntnis stand zur Erörterung, und aus dem Verlauf der— 
selben mußte sich ergeben, in welchen Grenzen von einem Was 
der Erkenntnis geredet werden könne. 
Indem nun aber dieser Weg in Deutschland eingeschlagen 
wurde, betrat man ihn nicht ohne bestimmte, der geistigen Ver— 
gangenheit der letzten Jahrhunderte entstammende Neigungen 
und Absichten. 
Eng war in Deutschland, bei weitem enger als in Frank—⸗ 
reich und England, noch während des 17. und 18. Jahr— 
hunderts das Verhältnis zwischen Theologie und Philosophie 
gewesen. Man hatte sich deshalb daran gewöhnt, alle erkenntnis— 
theoretischen Probleme alsbald in Beziehung zu setzen zu den 
Vorstellungen mindestens über natürliche, oft auch über geoffen— 
barte Religion. 
Und weiter: was man prüfen wollte, war entsprechend 
den damals herkömmlichen Tendenzen nicht bloß der deutschen, 
sondern fast aller europäischen Philosophie nicht eigentlich das 
empirische, sondern das metaphysische Erkenntnisvermögen: 
gibt es angeborene, von aller Erfahrung unabhängige Begriffe, 
ist eine erkenntnismäßige Sicherheit in Sachen der Metaphysik 
denkbar: das sind die Fragen, welche die Zeitgenossen zunächst 
bewegten; und es galt noch allgemein als eine Ketzerei, wenn 
Hume behauptete, die Philosophie sei vor allem „zur Er— 
forschung des gewöhnlichen Lebens als ihres eigentlichen und 
wahren Gebietes“ da. 
Ging man aber auf dies Gebiet, das Gebiet der Erfahrungs⸗ 
wissenschaften über, so schienen selbst sie die Erkenntnistheorie 
eben jetzt auf ein wenigstens ihre Erfahrung übersteigendes 
Gebiet zu verweisen. Denn man glaubte sich jetzt klar darüber 
zu sein, daß sich die einzelnen Wissenschaften erkennend nur 
auf die Dinge richten, mithin ihr Horizont im Erkennen an 
sich eingeschlossen sei. So ergab sich, da die Erkenntnis— 
theorie sich zergliedernd auf das Erkennen als Ganzes richtet,
	        
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