Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Weltanschauung. 
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unserer Urteile nach Kant auch eine ganze Anzahl von solchen 
Urteilen, die evidentermaßen ohne den Anteil der Erfahrung 
zustande gekommen sind: nämlich alle die Urteile, die wir als 
streng allgemein und notwendig empfinden. Denn die Er— 
fahrung ist stets begrenzt, kann also weder streng allgemeine 
noch notwendige Urteile liefern. 
Woher kommen nun, so fragt Kant, diese vor aller Er— 
fahrung liegenden „aprioristischen‘“ Urteile? Für die Be— 
antwortung dieser Frage wird der von Kant besonders betonte 
Unterschied zwischen analytischen und synthetischen Urteilen 
wichtig. Analytische Urteile sind Erläuterungsurteile; sie breiten 
nur die in dem beurteilten Gegenstand gelegenen Eigenschaften 
auseinander; so löse ich z. B. in dem analytischen Urteile „der 
Körper ist ausgedehnt“ nur die Vorstellung des Körpers in 
ihre Merkmale auf, um unter diesen das Merkmal der Aus— 
dehnung zu finden. Die analytischen Urteile beruhen also alle 
auf dem Satze A ist gleich A. Von diesem Satze aber ist 
klar, daß er vor aller Erfahrung gegeben ist; der Apriorismus 
aller analytischen Urteile macht also nicht die geringsten 
Schwierigkeiten. 
Den analytischen Urteilen stehen nun die synthetischen 
gegenüber. Das sind Erweiterungsurteile. Um z. B. zu ur—⸗ 
teilen „der Körper ist schwer“, muß ich den Druck des Körpers 
erfahren haben und die Vorstellung dieses Druckes mit der 
Vorstellung des Körpers vereinigen, denn von der Schwer— 
wirkung des Körpers ist im bloßen Begriff des Körpers nichts 
enthalten. Im synthetischen Urteil wird also nicht ein und die— 
selbe Vorstellung analysiert, sondern verschiedene Vorstellungen 
werden miteinander verbunden, synthesiert. 
Nun gibt es eine gewaltige Anzahl von synthetischen Ur— 
teilen, die sicherlich aus der Erfahrung stammende Vorstellungen 
verbinden: z. B. die Blätter sind grün, der Himmel ist 
blau usw. Alle diese Urteile sind nicht allgemein und not— 
wendig. Blätter können auch rot, der Himmel kann auch 
grau sein. Aber — und das ist für ihn das Entscheidende — 
Kant findet. daß neben diesen erfahrungsmäßigen synthetischen
	        
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