Neue Weltanschauung.
auch bereits vor aller Erfahrung, und es könnte darum schon
an sich, durch bloße Verknüpfung der Stammbegriffe und der
Stammanschauungen, zu wirken suchen. Allein das Ergebnis
würden dann nur Phantasmen sein, zudem tritt ja Anschauung
und Verstand tatsächlich erst an der Hand der sinnlichen Wahr—
nehmung in Aktion. Die Vorstellung einer solchen Tätigkeit
des schöpferischen Vermögens vor aller Wahrnehmung ist also
müßig. Jedenfalls aber tritt dies Vermögen von dem Augen—
blicke an, da Anschauungs- und Verstandesformen in Gemein—
schaft mit der Wahrnehmung der Welt außer uns Erfahrungen
zu wirken beginnen, in ganz bestimmten Grenzen in Wirkung,
indem es unseren Wahrnehmungen innerhalb der Anschauungs⸗
und Verstandesschranken, aber jenseits der Erfahrungsmöglich—
keit, einen allgemeinen und notwendigen Ausdruck zu geben
sucht. Dieser Ausdruck, in synthetischen Urteilen à priori ge⸗
wonnen, ist deshalb unabhängig von aller Erfahrung seiner
Gültigkeit nach, nicht aber nach seiner Bedeutung: Bedeutung
oder Erkenntniswert erhalten diese Urteile für uns vielmehr
erst durch ihre Anwendbarkeit auf die Erfahrung.
Synthetische Urteile à priori sind nun nach Kant die
Vorgänge, in welchen reine Mathematik und reine Natur—
wissenschaft möglich werden, Wissenschaften also, die nach der
Anschauung der Zeit vor jeder möglichen Erfahrung lagen.
Mit dem Nachweise der Möglichkeit, d. h. der Denkbarkeit
reiner Mathematik und reiner Naturwissenschaft auf Grund
synthetischer Urteile a priori hatte Kant dem Bedürfnisse einer
neuen, wahrhaft subjektivistischen Erkenntnistheorie nach der
einen Seite hin genügt: innerhalb der seelischen Veranlagung
des Subjektes selbst schien die Stelle gefunden zu sein, auf
die hin konkrete Wissenschaften des Notwendigen und All—
zemeinen gegründet werden konnten. Es war damit das Ver—⸗
ständnis der Flucht der Erscheinungen aus dieser Flucht in
das Innere des Subjekts verlegt; und Kant erschien als der
Kopernikus des erkenntnistheoretischen Gebietes, wie er sich
denn selbst als solchen bezeichnet hat: eben das Subjekt gab
jetzt der Welt der Erscheinungen, wie es diese verstand, seine
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. 2. 28