Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Weltanschauung. 
auch bereits vor aller Erfahrung, und es könnte darum schon 
an sich, durch bloße Verknüpfung der Stammbegriffe und der 
Stammanschauungen, zu wirken suchen. Allein das Ergebnis 
würden dann nur Phantasmen sein, zudem tritt ja Anschauung 
und Verstand tatsächlich erst an der Hand der sinnlichen Wahr— 
nehmung in Aktion. Die Vorstellung einer solchen Tätigkeit 
des schöpferischen Vermögens vor aller Wahrnehmung ist also 
müßig. Jedenfalls aber tritt dies Vermögen von dem Augen— 
blicke an, da Anschauungs- und Verstandesformen in Gemein— 
schaft mit der Wahrnehmung der Welt außer uns Erfahrungen 
zu wirken beginnen, in ganz bestimmten Grenzen in Wirkung, 
indem es unseren Wahrnehmungen innerhalb der Anschauungs⸗ 
und Verstandesschranken, aber jenseits der Erfahrungsmöglich— 
keit, einen allgemeinen und notwendigen Ausdruck zu geben 
sucht. Dieser Ausdruck, in synthetischen Urteilen à priori ge⸗ 
wonnen, ist deshalb unabhängig von aller Erfahrung seiner 
Gültigkeit nach, nicht aber nach seiner Bedeutung: Bedeutung 
oder Erkenntniswert erhalten diese Urteile für uns vielmehr 
erst durch ihre Anwendbarkeit auf die Erfahrung. 
Synthetische Urteile à priori sind nun nach Kant die 
Vorgänge, in welchen reine Mathematik und reine Natur— 
wissenschaft möglich werden, Wissenschaften also, die nach der 
Anschauung der Zeit vor jeder möglichen Erfahrung lagen. 
Mit dem Nachweise der Möglichkeit, d. h. der Denkbarkeit 
reiner Mathematik und reiner Naturwissenschaft auf Grund 
synthetischer Urteile a priori hatte Kant dem Bedürfnisse einer 
neuen, wahrhaft subjektivistischen Erkenntnistheorie nach der 
einen Seite hin genügt: innerhalb der seelischen Veranlagung 
des Subjektes selbst schien die Stelle gefunden zu sein, auf 
die hin konkrete Wissenschaften des Notwendigen und All— 
zemeinen gegründet werden konnten. Es war damit das Ver—⸗ 
ständnis der Flucht der Erscheinungen aus dieser Flucht in 
das Innere des Subjekts verlegt; und Kant erschien als der 
Kopernikus des erkenntnistheoretischen Gebietes, wie er sich 
denn selbst als solchen bezeichnet hat: eben das Subjekt gab 
jetzt der Welt der Erscheinungen, wie es diese verstand, seine 
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. 2. 28
	        
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