Neue Weltanschanung.
358
Erscheinung und die Idee der Gottheit als der absoluten Ein⸗
heit aller Gegenstände des Denkens überhaupt oder als des
alle Realität in sich befassenden Wesens.
Es sind die Begriffe, welche bisher den Mittelpunkt aller
metaphysischen Doktrinen, zuletzt noch der rationalen Kosmo—
logie, Psychologie und Theologie gebildet hatten: und in allen
diesen Doktrinen bisher als dem Verstande beweisbar hin⸗
zestellt worden waren. Demgegenüber führte Kant jetzt aus,
daß weder ein Gottesbeweis, noch ein Beweis kosmologischer
Ideen, wie man diese auch gestalten möge, noch ein Beweis
für das Dasein und die Unsterblichkeit der Seele je gelungen
sei noch künftig gelingen werde: endgültig glaubte er die Meta⸗
physik in dem bis dahin gebräuchlichen Sinne des Wortes
oernichtet zu haben.
Aber keineswegs zugunsten einer sensualistischen oder
materialistischen Weltanschauung. Nein: die großen Ideen
sollen nun erst recht gelten, aber freilich allein in ihrem rechten
Verstande, im Verstande des Glaubens. Hinweggeräumt sah
Kant damit den Schutt des alten angeblichen Wissens des
metaphysischen Rationalismus, das die Seele gebunden hatte,
ohne sie zu befriedigen; heraufführen wollte er seiner Umwelt
ein neues Zeitalter, in dem jede denkende Seele sich selbst,
bei aller Freiheit der Einzelvorstellung, in gläubiger Be—
geisterung diejenigen Ideale aufbauen sollte, die in der ein—
mal vorhandenen, für uns notwendigen Konstruktion des mensch⸗
lichen Bewußtseins gegeben seien.
Es sind die letzten Gedanken seiner Erkenntnistheorie.
Sie weisen über das theoretische Gebiet hinaus, hinein in
das anders geartete, praktische Gebiet der Bedürfnisse des
GBemütes.
5. Was war nun mit der Kantschen Erkenntnistheorie
gewonnen?
Der alte Rationalismus hatte die Möglichkeit der Er—
kenntnis auf die angeborenen Ideen begründet, die er ver—
möge der Annahme irgendwelchen Eingriffes göttlicher Kraft
23*