Neue Weltanschauung.
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tischer Vernunft ist eine der bezeichnendsten Errungenschaften
dieser neuen subjektivistischen Erkenntnistheorie, wie der all—
gemeinen subjektivistischen Erkenntnistheorie überhaupt; von
Kant vornehmlich klar durchgeführt, findet sie sich doch auch
früher schon in den Lehren Humes, wie sie später zu den
wichtigsten Grundanschauungen der gemäßigten Vertreter des
modernen Positivismus führt; einer der Grundpfeiler alles
modernen Erkennens hat sie in stillem Wirken das geistige
Leben des 19. Jahrhunderts auf tausend und aber tausend
Bebieten beherrscht und beherrscht dieses Leben noch heute.
Ist nun aber Kant zu seinen Ergebnissen auf dem ein—
fachsten und reinsten logischen Wege gelangt? Diese Frage
dejahen könnte beinahe heißen, die subjektivistische Erkenntnis—
cheorie Kants in der von ihm gelehrten Form als für immer
gefestigt betrachten: denn einfachste logische Grundgesetze s cheinen
sich wenigstens im Laufe der uns geschichtlich zugänglichen
Zeiten wenig oder gar nicht geändert zu haben oder zu
indern. In der Tat lebte Kant eines so zuversichtlichen
Blaubens an die absolute Dauer seines Systemes, denn er
meinte bei dessen Aufriß und Ausbau jede psychologische, und
das heißt psychogenetische und somit zeitlich bedingte Grund⸗
legung vermieden zu haben. Eine geschichtliche Betrachtung
freilich wird diesen Glauben nicht teilen. Schon an sich steht
auch den höchsten menschlichen Abstraktionen kein anderes
Material zur Verfügung, als die seelische Organisation des
Denkers mit ihren bleibenden Elementen einerseits, aber auch
hren geschichtlichen Grenzbestimmungen anderseits. Und bei
Kant lassen sich zudem noch die psychologischen Grundlagen
seiner besonderen Erkenntnistheorie klar nachweisen. Es sind,
soweit die Kritik der Verstandestätigkeit in Betracht kommt,
die allgemeinen psychologischen Lehren seiner Zeit, so wie sie
sich mit der Entfaltung des subjektivistischen Seelenlebens er—
geben hatten: die Lehren von einer rezeptiven und spontan
zusammenfassenden wie einer schöpferischen, spontane und
rezeptive Tätigkeit zu Höherem vereinigenden Funktion des
Gemütes. Kant ist in der Anerkennung dieser Lehren nur