Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweiundzwanzigstes Buch. 
ein Sohn seiner Zeit; und in der Tat war ihre Aufnahme 
durch ihn unumgänglich, da sie ein zutreffender Ausdruck der 
gefamtpfychischen Disposition seines Zeitalters genannt werden 
konnten!. Nur war er in ihrer Anwendung vorsichtiger, als 
die Philosophen des Subjektivismus vor ihm; denn er regelte 
diese Anwendung durch eine möglichst weitgehende Einführung 
solcher erkenntnistheoretischer Momente wie sie in der ge— 
gebenen Logik herkömmlich waren: und so konnte er persönlich 
zu dem Glauben gelangen, alles Psychologische ausgeschieden 
zu haben?. 
Aber auch in seinen Aufstellungen des Denkumfangs der 
praktischen Vernunft, also in der Begründung des Postulats 
dieser Vernunft, insofern sie notwendige Ideenverbindungen 
zur abschließenden Vervollständigung der Ergebnisse unserer 
Verstandestätigkeit darbieten, ist Kant durchaus ein Kind 
seiner Zeit. Ja nicht bloß dies: bei dem praktischen Charakter 
dieser Postulate lag es auf der Hand, daß diese zugleich auch 
Ausdruck des persönlichen Charakters und der Lebensschicksale 
des Philosophen sein mußten. Wenn die Erzählung zu ihrer 
Darstellung übergeht, verläßt sie daher den für alle Indivi— 
duen innerhalb des Diapasons eines ganzen Zeitalters durch— 
Vgl. schon Athenäum 1, 2, 119: Man betrachtet die kritische 
Philosophie immer so, als ob sie vom Himmel gefallen wäre. Sie hätte 
auch ohne Kant in Deutschland entstehen müssen und es auf viele Weisen 
können. Doch ist's so beffer. 
2 Die Naturwissenschaft hat Kants Lehren (namentlich durch Helm— 
holtz; wieder aufgenommen, insofern sie den Phänomenalismus der Er— 
scheinungswelt betreffen. Dagegen erscheinen ihr die reine Mathematik 
und die reine Naturwissenschaft, von der Metaphysik ganz abgesehen, un— 
zulässig; und ebenso erkennt sie, erkennt auch die neuere Psychologie die 
Kantschen Raumanschauungen und Stammbegriffe nicht mehr als vor aller 
Erfahrung liegende Formen unseres Denkens an, sondern nur als schöpfe— 
rische Synthesen des Bewußtseins heraus aus der Einzelwahrnehmung. 
Kant war der letzteren Auffassung unzugänglich, weil er dem genetischen 
Gedanken in der hierzu nötigen Konsequenz der Durchführung fern stand. 
Erst der evolutionistische Sinn des 19. Jahrhunderts hat die neuere pfycho— 
logische Erklärung möglich gemacht.
	        
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