Neue Weltanschauung.
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weg gleichverbindlichen, also zeitlich objektiven Stoff einer
psychologisch begründeten Erkenntnistheorie und tritt auf das
persönliche Gebiet der Weltanschauung über. —
Kant ist am 22. April 1724 zu Königsberg als viertes
Kind einer früher aus Schottland eingewanderten Handwerker—
familie pietistischer Richtung geboren worden; pietistisch wurde
er auch in dem Collegium Fridericianum seiner Vaterstadt
erzogen. Die Universität besuchte er ebenfalls in seiner Vater⸗
stadt, indem er sich unter Knutzens Einfluß namentlich dem
Studium der Philosophie und Mathematik zuwandte. Dann
war er neun Jahre in seiner Heimatprovinz als Hauslehrer
tätig, um die äußeren Mittel zur Aufnahme der akademischen
Laufbahn zu gewinnen, habilitierte sich darauf im Jahre 1755
an der Universität seiner Vaterstadt, blieb fünfzehn Jahre
Privatdozent und wurde endlich, 1770, ordentlicher Professor
der Logik und Metaphysik an dieser, nachdem er kurz zuvor
Berufungen nach Erlangen und Jena abgelehnt hatte. Von
da ab hat er in immer gleicher Stellung bis zu seinem Tode
am 12. Februar 1804 ohne jeden weiteren äußeren Schmuck
des Lebens fortgewirkt, anfangs mit einem Gehalte von 400,
seit dem Regierungsantritte König Friedrich Wilhelms II. mit
einem Gehalte von 620 Talern.
Einfach und eng gebunden an Heimat und Vaterstadt
war also sein Leben; über Königsberg und Preußen ist er
niemals hinausgekommen. Aber wunderbar reich war dies
Leben nach seinem inneren Aufbau. Der geistige Horizont
Kants hatte die größte Weite, die in seinem Zeitalter denkbar
war; im ganzen Gebiete der Naturwissenschaften war er zu
Hause; anthropologische und geographische Forschungen fesselten
ihn ganz besonders trotz alles Schollensinns, und politisch
lebte er in sehr entschiedener Parteinahme mit seiner Zeit; er
verabscheute den Krieg, und seine Ideale waren in gewissem
Sinne republikanisch; wie hat er sich für die Ziele der fran—
zösischen Revolution erwärmt, wie mit den Bürgern der jungen
amerikanischen Union sympathisiert gegen England!
Und auch in dem Labyrinth praktischer menschlicher Be—