Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweinndzwanzigstes Buch. 
ziehungen fand er sich klug zurecht; er war welterfahren, da 
er äußerst eingehend beobachtete, und weise, da er keine Er— 
fahrung vorübergehen ließ, ohne ihr einen allgemeinen Grund— 
satz, das, was er Maxime nannte, zu entnehmen. 
Vor allem freilich stand er auf sich allein. Zwar war 
er nicht ohne joviale Ader; seine früheren Werke zeigen 
alle Verheißungen eines großen Schriftstellers, vor allem 
die schillernden Gaben des Humors und der Fähigkeit, in an— 
mutigem Wechsel des Ausdrucks die Darstellung körperlich zu 
gestalten. Auch liebte er die Geselligkeit des Mahles, das er 
im engen Kreise der Freunde auf drei, ja fünf Stunden aus— 
dehnen konnte: es war der einzige Luxus, den er seinem 
Leben gegönnt hat. 
Trotzdem war er aber weit davon entfernt, im Verkehr 
mit anderen aufzugehen. Bezeichnend für ihn ist vielmehr ein 
strenger Unabhängigkeitssinn, der eine gewisse Vereinsamung 
in sich schloß. Kant ist, gleich Descartes, Hobbes, Spinoza 
und Leibniz, unverheiratet geblieben. Er hat immer den 
Wunsch gehabt, in größter Stille für sich zu wohnen. Seine 
Neigung zur pünktlichsten Gesetzmäßigkeit der Tageseinteilung, 
die bis zur Pedanterie ging, war nicht denkbar ohne eine ge— 
wisse Isolierung. Die Musik, die gesellendste aller höheren 
menschlichen Fähigkeiten, nach Goethe die Hälfte unseres Daseins, 
hat er eine „zudringliche Kunst“ genannt. Er wollte für sich 
stehen. 
In der Tat entwickelte er sein Unabhängigkeitsgefühl bis 
zum Rigorismus. Sein Abscheu vor jeder Verbindlichkeit 
gegenüber anderen wuchs schließlich dahin, daß er es in seinen 
letzten Jahren als eine der größten Gnaden seines Lebens er—⸗ 
klären konnte, niemals einen Gläubiger gehabt zu haben. Und 
unabhängig sein, herrschen wollte er vor allem auch gegenüber 
seinem Körper. Er handelte nach dem Grundsatze seiner 
Schrift „Von der Macht des Gemütes, durch den bloßen Vor— 
satz seiner krankhaften Gefühle Meister zu sein“. Im Knaben— 
alter überaus schwächlich, zeitlebens von zartem Körperbau, 
von eingebogener Brust und schiefer Haltung, hat er gleich—
	        
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