Neue Weltanschauung.
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Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer all⸗
gemeinen Gesetzgebung gelten könne.“ Dieser Sazt bildet
daher einen kategorischen Imperativ; er beruht auf dem sic
volo, sic jubeo der reinen Vernunft; er ist nicht empirisch,
sondern außer aller Erfahrung und darum allgemein und not—
wendig gegeben.
Wo der menschliche Wille diesem Gesetze nachlebt, rein in
dem hehren Gefühl seiner damit zu Recht getroffenen Selbst⸗
bestimmung, da ergibt sich volles, echtes Menschenleben. Und
es geht auf, es findet seinen Leitstern in der Achtung vor
diesem Gesetz. „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer
neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter
und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der
bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.
Beide darf ich nicht als in Dunkelheiten verhüllt oder im
Überschwenglichen, außer meinem Gesichtskreise, suchen und
bloß vermuten; ich sehe sie vor mir und verknüpfe sie un—
mittelbar mit dem Bewußtsein meiner Existenz. Das erste
fängt von dem Platze an, den ich in der äußeren Sinnenwelt
einnehme und erweitert die Verknupfung, darin ich stehe, ins
unabsehlich Große mit Welten über Welten und Systemen von
Systemen, überdem noch in grenzenlose Zeiten ihrer perio—
dischen Bewegung, deren Anfang und Fortdauer. Das zweite
fängt von meinem unsichtbaren Selbst, meiner Persönlichkeit,
an und stellt mich in einer Welt dar, die wahre Unendlichkeit
hat, aber nur dem Verstande spürbar ist, und mit welcher
(dadurch aber zugleich mit allen seinen sichtbaren Welten) ich
mich, nicht wie dort, in bloß zufälliger, sondern allgemeiner
und notwendiger Verknüpfung erkenne. Der erstere Anblick
einer zahllosen Weltenmenge vernichtet gleichsam meine Wichtig—
keit, als eines tierischen Geschöpfes, das die Materie, daraus
es ward, dem Planeten (einem bloßen Punkt im Weltall)
wieder zurückgeben muß, nachdem es eine kurze Zeit (man
weiß nicht wie) mit Lebenskraft versehen gewesen. Der zweite
K. d. pr. V. (Kehrbach) S. 36.