Neue Weltanschauung.
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Sittlichkeit nennt es Kant in dieser Zeit, wenn das Prinzip
der eigenen Glückseligkeit zum Bestimmungsgrunde des Willens
gemacht werde; dieser Widerstreit würde, wäre nicht die Stimme
der Vernunft in Beziehung auf den Willen so deutlich, so
unüberschreitbar, selbst für den gemeinsten Menschen so ver⸗
nehmlich, die Sittlichkeit gänzlich zugrunde richten; so aber
kann er sich nur noch in den kopfverwirrenden Spekulationen
der Schulen erhalten, die dreist genug sind, sich gegen jene
himmlische Stimme taub zu machen, um eine Theorie, die kein
Kopfzerbrechen kostet, aufrecht zu erhalten!.
Kant wird warm, wenn er zwischen all seinen mühsamen
Deduktionen und seinen schwerfälligen Satzgebilden mit ihren
unablässigen Einschränkungen und Parenthesen auf diesen
Gedankenzusammenhang kommt; und emyhatisch schildert er
die befreienden Vorzüge seiner Lehre. In ihr schließt eine
Handlung aus Pflicht jedes andere bestimmende Motiv aus,
als objektiv das Sittengesetz und als subjektiv die Achtung
vor der Majestät dieses Gesetzes; und Tugend, durch Be—
trachtung der Würde des Vernunftgesetzes und durch Übung
erworben, wird zu einer in fester Gesinnung gegründeten
Übereinstimmung des Willens mit jeder Pflicht. Handeln nur
aus Achtung vor dem Sittengesetze, das ist der wahre Maß—
stab der Sittlichkeit; alle anderen Motive, mögen sie an sich
noch so edel sein, bedeuten nur einen Absturz aus den Höhen
rein sittlicher Empfindung. „Pflicht!“ ruft Kant an einer be—
sonders schönen Stelle der Kritik der praktischen Vernunft?
aus, „du erhabener großer Name, der du nichts Beliebtes,
was Einschmeichelung bei sich führt, in dir fassest, sondern
Unterwerfung verlangst, doch auch nichts drohest, was natür—
liche Abneigung im Gemüte erregte und schreckte, um den
Willen zu bewegen, sondern bloß ein Gesetz aufstellst, welches
von selbst im Gemüte Eingang findet und doch sich selbst
wider Willen Verehrung (wenn gleich nicht immer Befolgung)
uK. d. pr. V. Gehrbach) S. 40.
2 S. a. a. O. S. 105.