Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

366 J Zweiundzwanzigstes Buch. 
erwirbt, vor dem alle Neigungen verstummen, wenn sie gleich 
im geheimen ihm entgegenwirken: welches ist der deiner würdige 
Ursprung, und wo findet man die Wurzel deiner edlen Ab— 
kunft, welche alle Verwandtschaft mit Neigungen stolz aus— 
schlägt, und von welcher Wurzel abzustammen die unnachläß— 
liche Bedingung desjenigen Wertes ist, den sich Menschen allein 
selbst geben können? — Es kann nichts Minderes sein, als 
was den Menschen über sich selbst (als einen Teil der Sinnen⸗ 
welt) erhebt, was ihn an eine Ordnung der Dinge knüpft, 
die nur der Verstand denken kann, und die zugleich die ganze 
Sinnenwelt, mit ihr das empirisch-bestimmbare Dasein des 
Menschen in der Zeit und das Ganze aller Zwecke (welches 
allein solchen unbedingten praktischen Gesetzen, als das mora— 
lische, angemessen ist) unter sich hat. Es ist nichts anderes 
als die Persönlichkeit, d. h. die Freiheit und Unabhängigkeit 
von dem Mechanismus der ganzen Natur, doch zugleich als 
ein Vermögen eines Wesens betrachtet, welches eigentümlichen, 
nämlich von seiner eigenen Vernunft gegebenen reinen prak— 
tischen Gesetzen .. unterworfen ist, sofern les] zugleich zur 
intelligibelen Welt gehört ..... Diese Achtung erweckende 
Idee der Persönlichkeit, welche uns die Erhabenheit unserer 
Natur (ihrer Bestimmung nach) vor Augen stellt, indem sie 
uns zugleich den Mangel der Angemessenheit unseres Ver— 
haltens in Ansehung derselben bemerken läßt, und dadurch den 
Eigendünkel niederschlägt, ist selbst der gemeinsten Menschen⸗ 
vernunft natürlich und leicht bemerklich.“ 
Aus dieser erhabenen und rigoros selbständigen Auffassung 
der sittlichen Persönlichkeit folgen für Kant sittliche Vorschriften 
sehr entschiedener und der herkömmlichen christlichen Moral 
abgewandter Art: „Lasset euer Recht nicht ungeahndet von 
anderen mit Füßen treten. — Nehmt nicht Wohltaten an, 
die ihr entbehren könnt, und seid nicht Schmarotzer oder 
Schmeichler oder gar, was freilich nur im Grade von dem 
Vorigen unterschieden ist, Bettler. Daher seid wirtschaftlich, 
damit ihr nicht bettelarm werdet. — Als Gefühle können 
Liebe und Achtung nicht moralisch geboten sein; denn Gefühle
	        
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