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Zweiundzwanzigstes Buch.
altern der Kirchengeschichte sein Zeitalter für das beste; zwar nicht
auf dem gewaltsamen Wege einer äußeren Revolution, wohl aber
auf dem einer allmählich fortgehenden Reform werde die neue
Ordnung der religiösen Anschauungen durchdringen. Und es
war eine Prophezeiung, deren Erfüllung zunächst sehr wohl
möglich erschien. Denn Kant traf tatsächlich ein höchstes Be—
dürfnis der Zeit, indem er, skeptisch oder wenigstens zurück—
haltend gegenüber einem strengen Abschluß des Weltbegriffs,
sich anderseits, gleichsam noch ein frommer Christ, für praktische
Fragen ein überweltliches Dasein Gottes vorzubehalten schien
und der Kirche mit einem problematisch gedachten Dualismus
entgegenkam. Und in der Tat: sehen wir nur auf die persön⸗
liche Größe und den innersten Ernst des Mannes: ist da Kant
nicht in mancher Hinsicht mit einem religiösen Helden wie
Luther zu vergleichen? Beide treffen sich in dem Gedanken
einer Verinnerlichung des Sittlichen und Religiösen nach dem
Maße ihrer Zeiten, beide suchen nach demselben, an sich ja
verschiedenen Maße die Selbstherrlichkeit der Einzelperson, beide
achten äußeren Erfolg gering und sind entschiedene Verteidiger
des Selbstwertes des Sittlichen, und beide führen die sittliche
Anlage zurück auf Gott.
Wie dem aber auch sei: jedenfalls hingen Tausende und
Abertausende gerade unter den Frommen und Gebildeten der
Zeit an Kant wie an einem Erfüller der Zeiten; wie denn
seine religiösen Lehren schon seit beinahe einem Menschenalter
mannigfach vorbereitet waren und in Lessings „Erziehung des
Menschengeschlechts“ schon einen auch von ihm selbst vielfach
hervorgehobenen Ausdruck gewonnen hatten; und man darf
sagen, daß stärker als die Lehren Kants auf religiösem Gebiete
eigentlich nur noch solche Reformen gewirkt haben, die im un—
mittelbaren Zusammenhang mit der Kirche standen. Schwärmer
aber versicherten damals, in hundert Jahren werde Kant die
Reputation Christi haben, und auch nüchternen Leuten erschien
der Königsberger Philosoph geradezu als der Prophet einer
neuen Religion; ein „neues Licht“ war, um mit Schiller zu
reden, der Menschheit angezündet, und kaum noch im offenen