Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

372 
Zweiundzwanzigstes Buch. 
altern der Kirchengeschichte sein Zeitalter für das beste; zwar nicht 
auf dem gewaltsamen Wege einer äußeren Revolution, wohl aber 
auf dem einer allmählich fortgehenden Reform werde die neue 
Ordnung der religiösen Anschauungen durchdringen. Und es 
war eine Prophezeiung, deren Erfüllung zunächst sehr wohl 
möglich erschien. Denn Kant traf tatsächlich ein höchstes Be— 
dürfnis der Zeit, indem er, skeptisch oder wenigstens zurück— 
haltend gegenüber einem strengen Abschluß des Weltbegriffs, 
sich anderseits, gleichsam noch ein frommer Christ, für praktische 
Fragen ein überweltliches Dasein Gottes vorzubehalten schien 
und der Kirche mit einem problematisch gedachten Dualismus 
entgegenkam. Und in der Tat: sehen wir nur auf die persön⸗ 
liche Größe und den innersten Ernst des Mannes: ist da Kant 
nicht in mancher Hinsicht mit einem religiösen Helden wie 
Luther zu vergleichen? Beide treffen sich in dem Gedanken 
einer Verinnerlichung des Sittlichen und Religiösen nach dem 
Maße ihrer Zeiten, beide suchen nach demselben, an sich ja 
verschiedenen Maße die Selbstherrlichkeit der Einzelperson, beide 
achten äußeren Erfolg gering und sind entschiedene Verteidiger 
des Selbstwertes des Sittlichen, und beide führen die sittliche 
Anlage zurück auf Gott. 
Wie dem aber auch sei: jedenfalls hingen Tausende und 
Abertausende gerade unter den Frommen und Gebildeten der 
Zeit an Kant wie an einem Erfüller der Zeiten; wie denn 
seine religiösen Lehren schon seit beinahe einem Menschenalter 
mannigfach vorbereitet waren und in Lessings „Erziehung des 
Menschengeschlechts“ schon einen auch von ihm selbst vielfach 
hervorgehobenen Ausdruck gewonnen hatten; und man darf 
sagen, daß stärker als die Lehren Kants auf religiösem Gebiete 
eigentlich nur noch solche Reformen gewirkt haben, die im un— 
mittelbaren Zusammenhang mit der Kirche standen. Schwärmer 
aber versicherten damals, in hundert Jahren werde Kant die 
Reputation Christi haben, und auch nüchternen Leuten erschien 
der Königsberger Philosoph geradezu als der Prophet einer 
neuen Religion; ein „neues Licht“ war, um mit Schiller zu 
reden, der Menschheit angezündet, und kaum noch im offenen
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.