37668
Zweiundzwanzigstes Buch.
Denkers entgegenzutreten: selbst dann nicht, wenn schon der
erste Rausch des Neuen vorüber ist und eine gewisse geistige
Selbständigkeit gegenüber den Anforderungen eines veränderten
Seelenlebens gewonnen scheint. Denn noch immer hallt das
Getöse der Übergangszeit nach; noch immer ist die Bewältigung
des Neuen von Pathos erfüllt; noch immer verläuft das Denken
selbst enthusiastisch.
Es ist der Fall auch in den Entwicklungszeiten des Sub—
jektivismus gewesen, von denen in diesem Bande die Rede
ist; selbst nach Empfindsamkeit und Sturm und Drang blieb
die Stimmung der Welt noch voll hochgemuter Erregung, und
auch die philosophischen Beobachtungs- und Denkgewohuheiten
standen im Zeichen des Enthusiasmus. Man muß sich das
dauernd vergegenwärtigen, will man die Jahre des Klassizis—
mus — und später erst recht wiederum die der Romantik —
vor allem auch in ihrer philosophischen Bedeutung verstehen;
und man muß unter dem Eindrucke dieses Zusammenhanges
es nicht bloß als möglich, sondern als durchaus erfordert
finden, daß in allem philosophischen Denken, besonders sobald
es sich irgendwie praktischen Fragen zuwandte, der Dichtung
eine entscheidende Teilnahme zufiel. Ist es doch diese Zeit
gewesen, die den einheitlichen Doppelwortbegriff ,Dichten und
Denken“ prägte; ist doch die Geschichte der Weltanschauung
dieser Zeit und insbesondere des Klassizismus nicht denkbar
ohne eingehende Betrachtung der Lebensansichten Schillers und
Goethes: und hat doch die Zeit des Klassizismus eine gedanken⸗
schwere Dichtung erstehen sehen, die zu dem Schönsten gehört,
was Menschen überhaupt an philosophischer Poesie geschaffen
haben.
Gewiß halten auch die Fürsten der Dichtung in dieser
Zeit im allgemeinen an den Grundanschauungen der Kantischen
Philosophie fest; aber doch nur, insofern diese Grund—
anschauungen als unumgängliche Forderungen eines subjekti—
vistischen Daseins überhaupt erscheinen. Und so geben Goethe
und Schiller, wie schon vor ihnen Herder, wohl zu, daß der
Mensch nicht mehr im Weltpunkte des Alls stehe, sondern im