Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweiundzwanzigstes Buch. 
Denkers entgegenzutreten: selbst dann nicht, wenn schon der 
erste Rausch des Neuen vorüber ist und eine gewisse geistige 
Selbständigkeit gegenüber den Anforderungen eines veränderten 
Seelenlebens gewonnen scheint. Denn noch immer hallt das 
Getöse der Übergangszeit nach; noch immer ist die Bewältigung 
des Neuen von Pathos erfüllt; noch immer verläuft das Denken 
selbst enthusiastisch. 
Es ist der Fall auch in den Entwicklungszeiten des Sub— 
jektivismus gewesen, von denen in diesem Bande die Rede 
ist; selbst nach Empfindsamkeit und Sturm und Drang blieb 
die Stimmung der Welt noch voll hochgemuter Erregung, und 
auch die philosophischen Beobachtungs- und Denkgewohuheiten 
standen im Zeichen des Enthusiasmus. Man muß sich das 
dauernd vergegenwärtigen, will man die Jahre des Klassizis— 
mus — und später erst recht wiederum die der Romantik — 
vor allem auch in ihrer philosophischen Bedeutung verstehen; 
und man muß unter dem Eindrucke dieses Zusammenhanges 
es nicht bloß als möglich, sondern als durchaus erfordert 
finden, daß in allem philosophischen Denken, besonders sobald 
es sich irgendwie praktischen Fragen zuwandte, der Dichtung 
eine entscheidende Teilnahme zufiel. Ist es doch diese Zeit 
gewesen, die den einheitlichen Doppelwortbegriff ,Dichten und 
Denken“ prägte; ist doch die Geschichte der Weltanschauung 
dieser Zeit und insbesondere des Klassizismus nicht denkbar 
ohne eingehende Betrachtung der Lebensansichten Schillers und 
Goethes: und hat doch die Zeit des Klassizismus eine gedanken⸗ 
schwere Dichtung erstehen sehen, die zu dem Schönsten gehört, 
was Menschen überhaupt an philosophischer Poesie geschaffen 
haben. 
Gewiß halten auch die Fürsten der Dichtung in dieser 
Zeit im allgemeinen an den Grundanschauungen der Kantischen 
Philosophie fest; aber doch nur, insofern diese Grund— 
anschauungen als unumgängliche Forderungen eines subjekti— 
vistischen Daseins überhaupt erscheinen. Und so geben Goethe 
und Schiller, wie schon vor ihnen Herder, wohl zu, daß der 
Mensch nicht mehr im Weltpunkte des Alls stehe, sondern im
	        
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