Neue Weltanschauung.
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Gedränge, halten aber mit Kant daran fest, daß er dies Ge—
dränge von feinem Standpunkte aus zu betrachten ein erkenntnis—
theoretisches Recht habe:
In selbstgefäll'ger, jugendlicher Freude
Leiht er den Sphären seine Harmonie,
Und preiset er das Weltgebäude,
So prangt es durch die Symmetrie!.
Und wie durch die Kritik der reinen Vernunft, so wird
die Weltanschauung des Klassizismus auch durch die Kritik der
praktischen Vernunft und der Urteilskraft mit bestimmt; ja
auf diesem Gebiete ist die mit steigendem Alter sich immer
mehr vertiefende Persönlichkeit Kants, namentlich in der Auf⸗
fassung des Sittengesetzes, sogar noch einflußreicher gewesen.
Vor allem entnimmt man Kant hier die Lehre von der Zwei—
heit der menschlichen Natur; wie oft hat z. B. Goethe nicht
den Menschen eine Ausgeburt zweier Welten genannt: und
„Licht und Geist, jenes im Physischen, dieser im Sittlichen
herrschend,“ waren ihm „die höchsten denkbaren, unteilbaren
Energien“.
Allein so sehr der Klassizismus im Gegensatze zur Empfind⸗
samkeit und zum Sturm und Drang und auch zur Romantik
darauf ausging, die Welt in ihrer Gesetzmäßigkeit auf dem
Wege der Erfahrung zu umfangen, so wenig hielt er dies
Ziel mit den Mitteln bloßer Begriffsbildung, ja bloßen
Denkens überhaupt für erreichbar. Uber dem Begriffe stand
ihm die Idee und über dem Denken das Schauen: unmittel⸗
bar, aus dem unendlich reichen Pathos einer harmonischen,
optimistischen Stimmungshaltung heraus wollte er intuitiv des
Weltganzen gewiß werden: und höchste Weisheit und Be—
geisterung sollte ihm das Allgemeine ohne Zwischenglied im
Individuellen erschließen.
Es war zweifelsohne eine aystische Art des Erkennens;
und man war sich dessen auch ebenso bewußt, wie man die
Methode für zuverlässig hielt. Denn noch waren längst nicht
mFaust II. T. 53. Akt.