Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Weltanschauung. 
379 
heitsgefühls, das im stillen längst ausgebildet, unversehens 
mit Blitzesschnelle zu einer fruchtbaren Erkenntnis führt. Es 
ist eine aus dem Innern am Äußern sich entwickelnde Offen— 
barung, die den Menschen seine Gottähnlichkeit vorahnen läßt. 
Es ist eine Synthese von Welt und Geist, welche von der 
ꝛwigen Harmonie des Daseins die seligste Versicherung gibt.“ 
„Geheimnisse sind noch keine Wunder.“ „Poesie deutet auf 
die Geheimnisse der Natur und sucht sie durchs Bild zu lösen. 
Philosophie deutet auf die Geheimnisse der Vernunft und 
sucht sie durchs Wort zu lösen. Mystik deutet auf die Geheim— 
nisse der Natur und Vernunft und sucht sie durch Wort und 
Bild zu lösen.“ „Alle Mystik ist ein Transzendieren und ein 
Ablösen von irgendeinem Gegenstande, den man hinter sich zu 
lassen glaubt. Je größer und bedeutender dasjenige war, dem 
man absagt, desto reicher sind die Produktionen des Mystikers.“ 
Der Mystizismus ist die Scholastik des Herzens.“ 
Zeigen die zuletzt angeführten Sätze, in welcher Richtung 
iich die mystische Erkenntnis bei Goethe in dessen letzten Zeiten 
noch weiter umbildete, so ist doch schon die ganze Entwicklung 
der Weltanschauung des Klassizismus ohne dies Element, in 
noch mehr ruhigen, klaren Formen, kaum zu denken. Ja 
bereits die vorhergehende Perliode der Empfindsamkeit und des 
Sturmes und Dranges hat es gehabt: und zwar in weit er⸗ 
regterer, sprunghafter Anwendung, wie ihre Psychologie und 
Ästhetik ohne weiteres erkennen läßt. 
In wie regellosem Kampfe hatte man da doch eine 
Kenntnis des neuen Seelenlebens in einer unmittelbar an— 
geschauten, angeblich nicht mehr metaphysisch bedingten Psycho⸗ 
logie zu erwerben gesucht! War aber diese Psychologie, indem 
sie von einer reicheren Auffassung und Zerlegung der pfychischen 
Erscheinungen in Denken, Wollen und Empfinden ausging, 
aum schließlich über die Begriffe der Spontaneität und Re— 
zeptivität zur Phantasie als der wahrhaft schöpferischen Kraft 
der Seele vorzudringen, in der auf diese Kraft begrundeten 
Lehre vom Genie denn nicht von neuem deutlich im Begriffe 
zewesen, der Metaphysik zu verfallen, wenn sie der Auffassung
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.