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Zweiundzwanzigstes Buch.
heit sollten also möglichst viel Wirklichkeitssinn gewährleisten;
und durch ihre Beobachtung sollte der intuitive Mensch leiden—
schaftslos in jene Höhen entrückt werden, welche die „Er—
ahndung des Göttlichen“, d. h. die Anschauung der hinter den
Objekten wirkenden Ideen, der Teilkräfte des immanenten Ab—
soluten gestatteten. Das war nach Goethe die „zarte Empirie,
die sich mit dem Gegenstand innigst identisch macht und da—
durch zur eigentlichen Theorie wird“; und in diesem Sinne
übergibt in seinem „Faust“ Mephistopheles, als Verkörperung
des nüchternen Rationalismus, dem Idealisten Faust bei seinem
Forschergange in das unbetretene Reich der Mütter, der meta—
physischen Lebenskräfte, den goldenen Schlüssel der Wirklichkeits—
intuition, der in seinen Händen aufblitzend die Führung über—
nehmen soll. Freilich: die Gefahr ist groß, sich bei diesem
Gange in das Reich der Schemen zu verlieren, der Wirklich—
keit völlig enffremdet und von den Müttern erfaßt und nicht
wieder freigelassen zu werden: drum
Den Schlüfsel schwinge, halte sie vom Leibe!
In der Tat haben denn auch die Vertreter der neuen
mystisch⸗idealistischen Weltanschauung, allen voran Goethe, die
größten Anstrengungen gemacht, reine Idealisten zu werden
und dennoch reine Empiriker zu bleiben: vornehmlich durch
starke Konzentration der geistigen Fähigkeiten auf die äußeren
Sinne: welch wunderbaren Auges und wohl entwickelten Formen⸗
sinns hat sich nicht eben Goethe und welcher außerordentlichen
Erfahrung in rascher Beurteilung von Charakteren hat sich nicht
Schiller erfreut!
Allein war das Ziel zu erreichen? Wenn Goethe den
Satz aufstellte, daß die Natur alles auf Individualität an—
gelegt zu haben scheine: drückte er dann nicht doch Zweifel
schon am Typ und in gewisser Hinsicht auch an der Idee aus?
Melancholisch zog schließlich Wilhelm von Humboldt, der tief—
sinnigste Vertreter vielleicht der jüngeren Generation des Klassi—
zismus, aus den erkenntnistheoretischen Bestrebungen seines
Zeitalters den Schluß: „Jeder eigen gebildete Mensch trägt