Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

386 Zweiundzwanzigstes Buch. 
war seine Sorge vornehmlich während der achtziger Jahre; 
und die Reise nach Italien (1787), die Betrachtung der Wand⸗ 
lungen des pflanzlichen Lebens in den Alpen, der Anblick einer 
anderen Vegetation vom botanischen Garten zu Padua bis 
südlich hinab zu den Kaktusfeldern Siziliens brachte ihm die 
Lösung. Was er anfangs noch hypothetisch ausgesprochen 
hatte, das wurde ihm nun anschaulich darstellbare Uberzeugung: 
die Urpflanze entwickelt sich durch Ausdehnung und Zusammen⸗ 
ziehung aus der einfachsten Bildungsform, dem Blatte. Der 
Keim ist der Idee nach ein zusammengezogenes Blatt; dann 
folgt die erste Ausdehnung in den Kotyledonen; und nun 
sproßt im Wechsel von Zusammenziehung und Ausdehnung 
Trieb auf Trieb, Knoten auf Knoten, Blatt auf Blatt: bis 
sich das ganze System im Kelche von neuem zusammenzieht, 
in der Blumenkrone ausbreitet und in den Staubgefäßen und 
im Stempel wie in der Fruchtbildung eine neue Zusammen— 
ziehung und Ausdehnung erlebt. In diesen Stufen ihrer 
Bildung entfaltet sich die Idee der Pflanze von innen heraus 
nach dem in ihr webenden Grundsatze des Lebens, und diese 
Bildung wiederholt sich in jeglicher Pflanzenart der bekannten 
Flora: 
Alle Glieder bilden sich aus nach ew'gen Gesetzen, 
Und die feltenste Form bewahrt im Geheimsten das Urbild. 
So ist es die Idee von einem stufenweise, wie auf einer 
„geistigen Leiter“ vom Samen bis zur Frucht sich umbildenden 
pflanzlichen Grundorgan, welche die unendliche Vielheit des 
Pflanzenlebens beherrscht; von Anbeginn hat sie sich in diese 
Vielheit ergossen, und niedrig und hoch organisierte Formen 
sind in gleicher Weise unmittelbar aus ihr hervorgegangen. 
In diesem Sinne ist die Urpflanze ein Urphänomen, und als 
solches unverwüstlich, erhaben über Raum und Zeit: 
Göttinnen throuen hehr in Einsamkeit, 
Um sie kein Ort, noch weniger eine Zeit, 
Von ihnen sprechen ist Verlegenheit — 
Die Mütter sind es.
	        
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