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Zweiundzwanzigstes Buch.
allen anderen Farben mit besonderen qualitativen Wirkungen
nachzuweisen. Und so war denn auch auf diesem Gebiete die
geforderte idealistische Anschauung der Natur erreicht, nur
daß hier, in der für unseren Augenschein zunächst unbelebten
Welt, die Urphänomene weit unmittelbarer als in der be—
lebten Welt zutage traten: hatte sich doch aus den Ur—
phänomenen des Lichts und der Finsternis und deren Aus—
wirkung ohne weiteres die bunte Welt der empirischen Farben
ergeben.
Wenn aber so auch die physikalisch-chemischen Vorgänge,
wie die Farbenlehre zeigte, sich nicht minder einer typisch an⸗
schauenden Erkenntnis zu erschließen schienen, wenn bei ihnen
Urphänomene hervortraten wie auf dem Gebiete der bio—
logischen Metamorphosen Urtier und Urpflanze: was stand
dann noch weiter hinter diesen Ideen und Kräften? Und wie
war es möglich, von ihnen aus noch fürder eine Stufe vor—
zudringen hinein und hinab in die tieferen Kammern des
Lebens?
Es ist die Stelle, an welcher Goethe abbricht. Er ist
uüͤberzeugt davon, daß der lebendige Bund zwischen leiblichem
und geistigem Auge uns zur Erkenntnis der Natur als einer
kräftedurchströmten, organischen Erscheinung, als eines sinnlich⸗
übersinnlichen Elements befähige — darüber hinaus dagegen
in klarer und das heißt ihm in anschauender Erkenntnis vor—⸗
zudringen, ist uns versagt. Denn das spekulative Denken,
das wohl die Urbilder und Urphänomene zusammenfassen
könnte zum Aufbau irgendeines metaphysischen Systemes, ist
nach des Dichters Auffassung ein gegenüber der Intuition ver—
kümmertes Denken:
Ich sag' es dir: ein Kerl, der spekuliert,
Ist wie ein Tier, auf dürrer Heide
Von einem bösen Geist im Kreis herumgeführt,
Und rings umher liegt schöne grüne Weide.
Oder wie Goethe es in einem Briefe an Jacobi einmal nicht
minder entschieden ausdrückt: „Gott hat Dich mit der Meta—