06 Dreiundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
mehr bloß als Wesen der Natur, noch als Werk meines Ge⸗
schlechts oder der Menschenwelt, sondern als Werk meiner
selbst fühle. Dadurch bin ich sittliche Kraft, Tugend. Nur
auf diesem Wege, durch Unterjochung meiner Selbstsucht, durch
Selbstverleugnung usw. vermag ich den inneren Einklang mit
mir selbst herzustellen. Die Sittlichkeit ist ganz individuell, sie
besteht nicht unter zweien. Kein Mensch kann mich fühlen,
wie ich bin; kein Mensch kann für mich fühlen, ich bin
sittlich. Rein sittlich sind für mich nur diejenigen Beweg—
gründe zur Pflicht, die meiner Individualität ganz eigen sind.“
Und so kommt es denn darauf an, diese reine Anschauung
des Menschen von seiner Umgebung wie sich selbst und die
darauf begründete subjektive Versittlichung durch besondere
Mittel zur höchsten eben noch möglichen Höhe zu entfalten. Es
ist das klarste Problem der denkbar höchsten Erziehung des
Subjektivismus, das hier gestellt ist. Und in der Volksschule
sollte es gelöst werden!
Da konnte denn nur ein Gedanke noch eben auf dieses Ge⸗—
biet hinüberleiten: der Mensch war am leichtesten im Kinde,
weil eben hier mit den einfachsten, der Kindesentwicklung an⸗
gemessenen Mitteln zu erziehen. Dieser Zusammenhang klingt
schon in Pestalozzis „Nachforschungen über den Gang der
Natur in der Entwicklung des Menschengeschlechts“ an, einer
Schrift, die in den neunziger Jahren des 18. Jahrhunderts
unter dem Einflusse Lavaters und Fichtes entstanden ist; und
er kann wohl als einer der wichtigsten Ausgangspunkte be—
zeichnet werden, die Pestalozzi zur Durchbildung seiner spezifischen
Erziehungstechnik geführt haben: wie er denn zugleich die echt
subjektivistische Vorstellung zum Ausdruck bringt, daß Menschen⸗—
bildung niemals an erster Stelle Berufsbildung, niemals nur
einseitige Entwicklung menschlicher Fähigkeiten und erst recht
niemals bloße Aneignung von Wissen sein könne.
Pestalozzis Gedanken, noch mehr seine Erziehungstaten hatten
rasch und weithin Einfluß. Wen nahmen nicht alles die ein—
fachen Erziehungsräume der Anstalt zu Iferten in den ersten
Jahren des neuen Jahrhunderts auf! Besuche aus fast allen