Die Freiheitskriege: 1809, 1815.
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Waren nun damit nicht leise, den Zeitgenossen von außen
her fast unmerkbare Motive gegeben, die doch die deutschen
Großstaaten und vielleicht sogar Rußland einander wieder
näher bringen mußten? Nur aufgeschoben, nicht aufgehoben
haben die Erfurter Tage deren gegenseitiges Verständnis.
Zunächst aber näherten sich wiederum nur Preußen und
sterreich. Preußen mußte allerdings nach den Erfurter
Tagen unter der Zwangseinwirkung Napoleons den Freiherrn
bom Stein entlassen, was eine Stärkung der französierenden
Elemente im Lande und auch in der Umgebung des Königs
bedeutete; indes der König blieb gleichwohl deutsch gesinnt: es
war einer der nicht seltenen Fälle, in der die guten Seiten
der Veranlagung Friedrich Wilhelms, seine Stetigkeit, seine
Treue, ja seine fast unbehilfliche Starrheit vorteilhaft hervor⸗
fraten. Der König hat damals, wahrscheinlich freilich noch
uinter der Einwirkung Steins, seine Lage dem Wiener Hofe
rückhaltlos dargelegt und rückhaltlos auch ausgeführt, daß er
die Fesseln, in die ihn französische Vertragsbestimmungen gelegt
hätten, sprengen werde, sobald er es vermöge: es war ein Ver⸗
trauen, das Vertrauen erzeugen mußte. Und das geschah zu
einer Zeit, die zu gemeinsamer Aktion gegen Napoleon wohl
geeignet schien.
Wenn Napoleon durch ein Einverständnis mit dem Zaren,
das er im Grunde seines Herzens vielleicht von vornherein als
provisorisch ansah, sich zunächst die Angelegenheiten des euro⸗
päischen Ostens hatte aus dem Wege schaffen wollen, um im
Westen, in Spanien, ihn voll befriedigende Ergebnisse zu er⸗
reichen, so hatte sich inzwischen ergeben, wie richtig diese Be—
rechnung gewesen war. In Spanien war in dieser Zeit seine
Sache zunächst noch „aufs äußerste gefährdet gewesen; un—
mittelbar nach Erfurt hatte er sich in die spanischen Aufstands⸗
gebiete zu persönlichem Eingreifen begeben müssen.
Da liegt es denn auf der Hand, daß dies, November
1808, der Moment war, in welchem, wenn überhaupt, die
deutschen Mächte hätten losschlagen müssen. Und Preußen