Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

320 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel. 
ehesten kommen können, hätte sich ihr die feste Stütze einer 
abgeschlossenen empirischen Psychologie dargeboten. Es würde 
ein Halt gewesen sein ähnlich demjenigen, den die Entfaltung 
der Naturwissenschaften schon seit dem 17. Jahrhundert an 
der Mechanik gehabt hat. 
Allein von einer so raschen und glänzenden Entwicklung 
einer empirischen Psychologie war wie anderswo so vor allem 
auch in Deutschland einstweilen nicht die Rede. 
Die psychologische Betrachtung pflegt, sobald sie sich in 
einem gegebenen Menschheitskreise mit steigender Kultur in 
festeren Formen einstellt, zunächst intellektualistischen Charakters 
zu sein: wohl deshalb, weil das logische Gerüst des psychischen 
Geschehens sich dem Überblicke am ehesten darbietet. Dabei liegt 
es denn aber sehr nahe, ja ist beinahe unvermeidlich, daß sich in die 
psychologische Betrachtung die logische einmischt: und daß damit, 
in einem primitiven Stadium, die Psychologie der Erkenntnis⸗ 
theorie und Metaphysik angeschlossen erscheint. Bedenkt man 
dabei zugleich, daß dies alles auf intellektualistischer Grundlage 
geschieht, so kann es keinen Augenblick wundernehmen, daß 
diese ganze Entwicklung sich mit großer Regelmäßigkeit in den 
individualistischen Zeitaltern menschlicher Kulturen einstellt. 
Dies war auch innerhalb der deutschen Entwicklung, seit dem 
16. Jahrhundert, der Fall gewesen. Gegen Schluß des indivi⸗ 
dualistischen Zeitalters aber, in der ersten Hälfte des 18. Jahr— 
— DDD 
stimmtheit zutage, daß sie den Zusammenhang mit Metaphysik und 
fast auch schon Logik abzustreifen begann und eine Methode selb⸗ 
ständiger Erforschung und Erkenntnis versucht wurde. Dabei 
wurden anfangs zwei Wege kurz nacheinander betreten: ein Weg 
bloßer Tatsachenbeschreibung, der sich im Grunde mit einer sehr 
—E 
sumierenden Verfahrens, das die Unsumme verwickelter seelischer 
Erscheinungen auf einfachere Formen, auf Typen zurückzuführen 
unternahm. In diesen Richtungen führte der erste Weg zu der so— 
genannten Vermögenspsychologie, deren gründlichster Bearbeiter 
auf deutschem Boden Wolff gewesen ist: sie nahm für jeden
	        
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