Full text: Anhang. Bibliographie. Register (Bd. 12 = Schlußbd.)

Anhang. 
der Göttersage noch nicht vollzogen, noch mag hier die epische 
Anschauungsweise von einzelnen Thaten der Ueberirdischen im 
Kampfe gelegen haben mit dem lyrischen Erguß dankbar⸗-frommen 
Naturgefühls. Sogar die Gestalten der Götter selbst be— 
sitzen etwas Nebelhaftes, Ungreifbares, die Art ihrer Ver⸗ 
ehrung etwas Geheimnißvolles und Unbestimmtes, das weit ab— 
weicht von der concreten Cultusform andrer polytheistischer 
Religionen. 
Dieser Geist persönlicher Ungebundenheit innerhalb der 
Stammesschranken trat nun in den Sturm der Völkerwanderung 
ein; die Stämme früherer Zeit schmolzen dahin vor dem Odem 
dieser großen Bewegung, neue Völkerverbände bildeten sich, 
innerhalb deren die einst unantastbaren Normen der einzelnen 
Stammesrechte sich oft widersprechen mochten. Dies nur ein 
Anlaß neben vielen andern, um die heilige Unverletzlichkeit 
dieser Normen zu brechen. Eine Auflösung aller bis dahin fest— 
stehenden Begriffe erfolgte, und ein Chaos von neuen Fermenten, 
ausgehend von den überwundenen Landen Roms, stürzte auf 
die siegenden Völker. Die Folge war zunächst eine Zeit voll—⸗ 
ständiger Autoritätslosigkeit, wie sie das Frankenreich der 
Merowinger deshalb am besten zeigt, weil hier die deutsche 
Eigentümlichkeit anderem Einfluß am schroffsten Widerstand 
leistete. Die Geister waren nicht indibiduell genug durch⸗ 
gebildet, um fest zu stehen gegenüber dem Andrang so ver— 
schiedenartiger Bewegungen; die Wellen derselben fluteten über 
sie hinweg und nahmen ihnen noch die letzten festen Begriffe 
von Recht und Sittlichkeit. Eine Zeit grauenhaftester Ver⸗ 
wilderung auf allen Gebieten folgte, nachdem auch noch der 
Begriff eines starken Königtums dem Sturme der Zeiten ge⸗ 
wichen war. — Endlich begann die Entwicklung sich abzuklären, 
und wie der politische Gedanke der Verfassung zuletzt in Ver⸗ 
wirrung geraten war, so formte er sich auch zuerst wieder zu 
neuer Klarheit. 
Die schöne Zeit der ersten Karolinger erschien; der große 
Karl wurde zum Brennpunct dieser Periode. Obwol im Kern 
Deutscher suchte er doch, geblendet vom Glanze antiker Kultur,
	        
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