Full text: Anhang. Bibliographie. Register (Bd. 12 = Schlußbd.)

Ueber Individualität im deutschen Mittelalter. 9 
den vielversprechenden Anfängen früherer Zeit keine Litteratur 
in dem stammgeteilten Althochdeutschen erstand, während das 
mittelalterliche Latein in den Prosaschriften des 11. Jahr⸗ 
hunderts seine höchste Erhebung feierte. Erst mit dem 12. Jahr⸗ 
hundert schwindet der Gegensatz der Stämme, die Volksrechte 
hören auf in Gebrauch zu sein, Colonisationen im Osten geben 
den feindlichen Brüdern Gelegenheit zu friedlich-verträglicher 
Arbeit. Im Streite zwischen dem Rothbart Friedrich und 
Heinrich dem Löwen finden wir kaum noch Spuren des Stammes⸗ 
gegensatzes, wol aber die ersten Zeichen eines neuen territorialen 
Particularismus, der sich nicht auf natürlich-physiologische, 
sondern auf künstliche Grundlagen stützt, auf Anhänglichkeit an 
den Herren des Landes, auf den Stolz der Sonderentwicklung 
und auf die Betonung einheimischer Art und Einrichtung. Der 
Stammesgegensatz braucht keine weitere Grundlage, der Parti— 
cularismus hat sie in der Nationalität. Schon hieraus folgt, 
abgesehen von dem Aufkommen der Wörter Deutsch und 
Deutschland, daß mit der Mitte des 12. Jahrhunderts die 
Ausbildung einer einheitlichen deutschen Nationalität ab— 
geschlossen war. 
Ein wichtiger Abschnitt auch für die Ausbildung des 
Individuums, wenn man sich gegenwärtig hält, wie nur durch 
Erweiterung von Familienliebe zu Stammesgefühl, von diesem 
zu nationalem und endlich gar kosmopolitischem Interesse die 
volle Ausbildung des Individuums ermöglicht wird. Mit dem 
Entstehen der Nationalität hatte der Deutsche die Schranke ge⸗ 
funden, innerhalb deren die Entwicklung seiner Individualität 
während des Mittelalters verlaufen sollte. Es fragt sich, wie 
weit das Individuum als solches bis zu diesem Umschwung 
im Beginn des 12. Jahrhunderts erstarkt war; und insonder⸗ 
heit, ob es etwa grade um diese Zeit an einem Wendevunct 
seiner Entwicklung angelangt war. 
Die Epoche vor dem Erwachen des Bürgerstandes mit 
seinem Handel und Verkehr, mit seinem Geldreichthum und 
seiner Unternehmungslust wird gewöhnlich als Zeit der Natural⸗ 
wirtschaft bezeichnet. Sie überwiegt bis hinein in das 12. Jahr⸗
	        
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