Ueber Individualität im deutschen Mittelalter. 11
sich auch der tüchtigste Wirth nicht entziehen konnte. Ihre
Folgen für den wirthschaftlichen Sinn der Periode zeigen sich
in dem Mangel an jeder Voraussicht für kommende Tage.
Hier erklärt sich erst die schreckliche Wirkung der damals häufigen
Hungersnöte; hier lernt man es verstehen, wie Kirchen mit
ganz unzureichenden oder gar keinen Fundamenten gebaut werden
konnten. Die Ausbildung des Individuums in dieser Richtung
war durch das Dreifeldersystem auf die Dauer der Natural—⸗
wirthschaft unterdrückt: bis zum Aufkommen einer neuen Richtung
herrscht wirthschaftlich die Gemeinde.
Aehnlich herrscht die Familie im Recht. Noch war das
Individuum hier weiter nichts, als ein Glied in der Kette der
Geschlechter; nur im Rahmen der Generationen hatte es Existenz⸗
fähigkeit und Bedeutung. Das Erbrecht war im eminentesten
Sinne Familienrecht. Zwar gab es schon Testamente, ein—
geführt zum Vorteil und im Anschluß an das Römische Recht
des Clerus: aber noch reagierte das deutsche Recht kräftig
gegen diesen fremden Einfluß. Im Ganzen stand das Grund—⸗
eigenthum immer noch zur Disposition der Familie, das Erb—
recht innerhalb dieser war obligatorisch. Auch später, als die
deutsche Auffassung zu schwinden begann, galt für die Ver—⸗
äußerung des Familiengutes wenigstens noch das Vorkaufs-—
recht der nächsten Erben. Persönlich aber verfügen konnte das
Individuum nur über das, was es selbst mit seiner Hände
Fleiß gewonnen und errungen hatte. Möglich, daß sich in der
Disposition über das Eigentum der Einfluß der Familie des—
halb länger gehalten hatte, weil hier außer dem rechtlichen
auch wesentlich wirthschaftliche Gesichtspuncte mit entschieden;
wenigstens finden wir auf anderen Gebieten des Rechts das
Individuum schon mehr losgelöst von den Fesseln der Familie.
So besonders im Strafrecht, das früher zum guten Theil mehr
auf der Grundlage der Familie, als der Persönlichkeit beruhte.
Ueberhaupt aber rückt, auch abgesehen von der Familie, das
deutsche Recht subjectiv⸗-individuelle Gesichtspuncte thunlichst in
den Hintergrund. So in seiner Fortbildung; nur ungern und
erst später geschieht dies durch den Einfluß des Persönlichen