Ueber Individualität im deutschen Mittelalter. 15
von Hildesheim, Benno von Osnabrück, ein Tutilo von
St. Gallen. Ein Zusammenarbeiten zu gemeinsamem Zwecke
unter Anerkennung spezialer Tüchtigkeit war damit principiell
ausgeschlossen: die Arbeitstheilung der Gewerke, soweit sie
existierte, beruhte auf dem uns fremden Satze, jedes einzelne
Handwerk in mehrere selbständige zu theilen, also z. B. die
Schuhmacherei in Stiefelmacherei, Corduan-, Schafleder-, Rinds—
leder⸗, Leinwandschusterei u. s. w.
Die allgemeine ungetheilte Anschauungsweise, welche etwa
vorhandene Nüancen von ihr noch zu ignorieren verstand, zeigt
sich am characteristischsten in Litteratur und bildender Kunst.
Die Malerei steht noch in den ersten Anfängen, sie liebt am
meisten den bunten, aber stummen Wechsel des Ornamentalen.
Deutlicher spricht schon die Plastik mit ihrem hieratischen
Character: durch ihre Gestalten pulsiert nicht individuelles
Leben, sondern der strenge Gedanke allgemeingiltiger priester—
licher Satzung. Aber die höchste Blüthe feierte die Kunst dieser
Jahrhunderte in der Architectur: sie ist am trefflichsten geeignet,
die Symbolik allgemeiner Ideen zum Ausdruck zu bringen, wie
sie unbewußt über einer Zeit weben und walten. Der archi⸗
tectonischen Blüthe der Kunst entspricht die epische der Litteratur.
Dieses ganze Zeitalter könnte man das epische nennen: was
Wunder, wenn der gesteigerte Ausdruck auch seiner lyrischen
Gefühle sich in ein episches Gewand hüllt? Und es ist be⸗
zeichnend, daß die epischen Litteraturerzeugnisse dieser Epoche
keine vollendeten, in sich abgeschlossenen Werke waren, sondern
nur Lieder, welche die Hauptereignisse der Sage zum Stoffe
hatten. Nur in den Höhepuncten des immer vorhandenen
epischen Bewußtseins trat die äußere Form hinzu; sie diente
noch nicht dazu, das epische Bewußtsein überhaupt erst zu
wecken. Und auch dieser sprachlichen Form fehlt die Beseelung
von Seite einer künstlerischen Persönlichkeit, noch finden sich
keine kunstvollen Perioden, noch kein individueller Stil. Die
Erzählung bewegt sich in den herkömmlichen Formen der Volks.
poesie, sie ist nicht gemacht, sie ist erwachsen, ein Gebilde nicht
individuellen, sondern nationalen Geistes.