Anhang.
Der Ausdruck der höchsten individuellen Entwicklung dieser
Zeiten findet sich in der lateinischen Litteratur. Es ist das
kein Verdienst des lateinischen Sprachgenius, sondern des
geistlichen Standes, welcher sich dieser Sprache hauptsächlich
bediente. Es kann kein Zweifel sein, daß der Clerus des 10.
und 11. Jahrhunderts der Hauptvertreter der Richtung auf
eine Weiterbildung der Individualität in dieser Zeit war. Er
—DD—
sich hauptsächlich geistig. Auf diesem Boden trieben Keime,
welche einsam dastehen in ihrem Zeitalter: es scheinen Jahr—
hunderte zu liegen zwischen der Außenwelt und jenen Kloster⸗
räumen, in denen Roswitha ihre Dramen schuf, in denen
Widukind seine Darstellung der Zeitgeschichte aufzeichnete. Noch
mehr sind die Annalen des Lambert oder das Leben Hein—
richs IV. durchgeistet vom Hauche individueller Anschauung und
tieferen Verständnisses für fremde Persönlichkeit. Mit diesen
Leistungen erhob sich der Clerus weit über die gewöhnliche Art
laienhafter Anschauungen: aber es war eine fremde, großen⸗
theils entnationalisierte Welt, in der er lebte. Zwar nahm er
in seinen Spitzen, den Bischöfen, noch regsten Antheil am
nationalen Verfassungsleben: aber auch dieser Zusammenhang
schwand mit der gregorianischen Bewegung, welche weit über
die Schranken nationalen Lebens und nationaler Anschauung
hinaus fluthete. Immer mehr entwickelte sich unter dem Ein—
flusse der Kreuzzüge der päbstliche Kosmopolitismus der Kirche.
Das waren rapide Fortschritte, denen die Ausbildung der
Individualität kaum beim Clerus, geschweige denn als Correlat
bei den Laien zu folgen vermochte. Und so gieng die reiche
Blüthe, die individuale Erstarkung des deutschen Clerus im
11. Jahrhundert vorüber, ohne die Entwicklung der Nation in
neue Bahnen zu lenken.
Auch war grade der Theil der kirchlichen Heeresschaaren,
welcher dem Volke am nächsten stand, am wenigsten individuell
durchgebildet. Das Mönchswesen mit seinem Kampfe gegen
Sünde und Teufel gewann oft Nichts, als die Energie der
Entsagung. Die Selbstprüfung gelang noch den Wenigsten,