Ueber Individualität im deutschen Mittelalter. 17
meist versetzte man den schlechten Theil der Individualität
außer sich und personificierte ihn unter bald gräßlichen, bald
kindisch-lächerlichen Gestalten, gegen die man als moralischer
Don Quirote zu Felde zog. Das ganze Fabelwesen der Legenden
wurde in diesen Köpfen hinter den Klostermauern lebendig und
verscheuchte mit seinem Geisterspuk jedes reine Erkennen der
Persönlichkeit. Auch die kirchliche Lehre konnte hier einen
weiteren Fortschritt nicht anbahnen. Sie hatte sich grade
während dieser Jahrhunderte fixiert und nahm in ihrer Ent⸗
wicklung Rücksicht auf den Mangel individualer Ausbildung,
indem sie die Möglichkeit der Anbahnung eines directen Ver—
hältnisses zwischen Individuum und Gott auszuschließen suchte.
Sie schob sich selbst zwischen Gott und Mensch, sie riß die
Functionen des religiösen Gefühls an sich und ließ dem Einzel⸗
leben nur noch die Erfüllung äußerer Werke: sie wurde das
Gewissen des Volkes. Damit war dem Individuum auf so
lange eine Auseinandersetzung mit sich selbst erspart, bis es
durch anderweite Entwicklungen zur Selbsterkenntniß gedrängt
ward. Und so erhielt sich vorläufig die religiöse Ueberzeugung
der Nation noch fort, solange der Inhalt des Glaubens als
objectiv sicher und wissenschaftlich beweisbar galt, und solange
das Ansehen der Tradition dauerte. Erst als diese Bedingungen
fielen, sah die Menge in die religiöse Leere, vor der sie stand,
sie suchte ihr Gewissen und fühlte, daß es die Kirche ihr ge⸗
raubt, aber sie verzagte nicht und errang in jahrhundertelangem
Streit, oft mit stumpfen Waffen kämpfend, aber doch endlich
siegend, die freie Stellung des Individuums zu seinem Gott.
Man wird von dem Clerus der folgenden Jahrhunderte allen⸗
falls noch sagen können, daß er die Laienwelt im Kreise der
kirchlichen Lehre beherrschte; aber ebenso sicher ist es, daß er
die Führerschaft an der Spitze der Gesammtentwicklung verlor.
Andere Probleme, neue Kämpfe, überraschende Resultate drängten
sich hier in den Vordergrund. Die Masse des Volkes, welche
geistiger Durchbildung sich öffnete, wurde größer; ein fast rein
nationaler Stand, die Ritterschaft, übernahm die Führung der
Nation.
Lamprecht, Deutsche Geschichte. XII.