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Anhang.
Das politische Leben drang hinab in Tiefen, welche vor—
dem noch unentwegt lagen im Kampfe nationaler Entwicklung.
Erst die gregorianische Bewegung hatte wirkliche Parteien ge—
bildet; sie dauerten in ihren Hauptunterschieden fort bis in
die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts. Die Differenzen waren
keine rein politischen, sie faßten die innersten Fasern des Herzens;
Treubruch gegen den Kaiser auf der einen Seite, ewige Ver—
dammniß auf der andern: so lag die Alternative in den Augen
des Zeitalters. Man kam mit einer monistischen Betrachtung
der Weltgeschichte nicht mehr zum Ziele, die Unbefangenheit
in der Anschauung des Zeitenlaufes verschwand. Bisher war
die Vergangenheit im Lichte unzerstörbarer Autorität erschienen;
jetzt hatte man schon Jahrhunderte deutscher Geschichte durch—
lebt, welchen ein gleiches kanonisches Ansehen mangelte. Man
wandte sich ab von einer deterministischen Ansicht auf diesem
Gebiet, das Gefühl eigener Directive trat in verstärktem Maße
auf, und es erstand das Selbstbewußtsein auf politisch-religiösem
Felde. Der Streit zwischen Sacerdotium und Imperium ver—
geistete sich immer mehr, indem man allgemeine Principien im
Gange der Politik aufsuchte oder in denselben einführte. Bald
fanden sich Nüancen in der Einzelauffassung, schon hieß es
nicht mehr allein: hie Pabst! hie Kaiser! (Ein Beispiel hier—
für ist Gerhoh von Reichersberg.) Kaiser und Pabst aber
führten jetzt den Streit nicht mehr mit ungleichen Mitteln.
Heinrich IV. hatte noch ohne großen Erfolg geistige Waffen
gegen Gregor VII. angewandt: mit welch anderem Ausgange
kehrte dieser Pabst die religiös-kirchlichen Anschauungen des
Volkes im Banne gegen den Salier! Jetzt war der Anschauungs⸗
kreis der Menge bis zur Möglichkeit politischen Urteils er—
starkt: Friedrich J. machte von dieser Entwicklung den genialsten
Gebrauch. Er ist der erste, welcher die öffentliche Meinung
planmäßig und unablässig zum Richter und Bundesgenossen
gegen den Pabst aufrief.
Nicht zum wenigsten hatten zu dieser Erstarkung der öffent⸗
lichen Meinung die Kreuzzüge beigetragen, deren Einfluß speziell
in Deutschland sich seit ungefähr 1150 geltend macht. Hier