Full text: Anhang. Bibliographie. Register (Bd. 12 = Schlußbd.)

Ueber Individualität im deutschen Mittelalter. 21 
ruhende Lehnstaat, und dieser Staat wieder war charackteristisch 
für eine Epoche, welche in der Entwicklung ihrer philosophischen 
Anschauungen bis zur psychologischen Gliederung des Indivi— 
duums als solchen fortschritt. 
Freilich konnten einem Staatswesen, dessen rechtlicher Auf— 
bau mit dem Mörtel des Vertrauens auf psychologische Er— 
scheinungen so stark durchsetzt war, gewaltsamste Erschütterungen 
nicht fehlen. Auf die schönen Zeiten des Rothbarts folgte das 
Doppelkönigtum der Welfen und Hohenstaufen. Allein auch 
aus solchem Streite ergab sich ein Wachsthum politischen Selbst⸗ 
bewußtseins. Zum ersten Male auf deutscher Erde ertönt in 
dieser Zeit das politische Lied, die hohe Durchbildung staats— 
männischer Denkkraft bezeichnend. Und noch einmal folgten 
glückliche Jahre unter dem Scepter des zweiten Friedrich. Zwar 
zeigte sich schon hier und da der Verfall; aber immer noch 
drehte sich der politische Kampf um große Principien, nicht 
um die meist kleinlich-persönlichen Zänkereien der folgenden 
Zeiten, noch immer nahm die Nation Antheil am Geschick ihres 
Herrschers. Es war das Abendroth Hohenstaufischer Politik; 
mit der Mitte des Jahrhunderts vergieng auch dieser matte 
Glanz, und in der Nacht kommender Zeiten träumte man nur 
noch hin und wieder vom Auferstehen des Großen Friedrich und 
seiner Kraft. 
Dem Zerfall der politischen Bedeutung Deutschlands folgte 
bald der Zerfall der Blüthe des Ritterthums, jenes spezififch 
Hohenstaufischen Standes. Was bedingte außerhalb des Ganges 
der Politik seine Größe, was seinen Ruin? Der allgemeine 
Character der Ständegeschichte im 12. und 18. Jahrhundert 
wird darüber zunächst Auskunft zu geben haben. Die hervor— 
ragendste Erscheinung auf diesem Gebiete ist die Entwicklung 
des Bürgerstandes, welcher die Wurzeln seiner Kraft im 
städtischen Handwerk und Handel besaß. Es weist das auf eine 
wirthschaftliche Entwicklung hin, welche mit der Natural— 
wirthschaft erfolgreich zu concurrieren gelernt hatte und über 
die bisherige Herrschaft der Urproductionen hinausgieng. Mit 
dem Emporkommen des Burgerstandes, der im 11. Jahr—
	        
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