Full text: Anhang. Bibliographie. Register (Bd. 12 = Schlußbd.)

Ueber Individualität im deutschen Mittelalter. 28 
seinen Schild und rechnete sich kühn zu den Herren. Nicht 
anders der Freie, dessen Lehen im Waffendienste verlief. Es 
kam ein Fluß in diese Volksklassen, und erst nach langen Zeiten 
der Unbestimmtheit schloß sich von Neuem, dem alten wieder 
auftauchenden aristocratischen Principe des Rechts nachgebend, 
der Stand der Ritterbürtigen. Indeß welch reichen Stoff zur 
Ausbildung des Individuums mußte nicht diese sociale Um— 
wälzung grade den Ritterbürtigen zuführen! Ein Jeder, der 
in diesen Stand durch eignes Verdienst eintrat, hatte das 
Bewußtsein des selbstgemachten Mannes; der Stand selbst wurde 
zum Sammelplatze der Intelligenz und der Volkskraft. Wenn 
irgendwo in dieser Zeit, so wird hier eine durchgebildete In— 
dividualität zu suchen sein. 
Das Gefühl, kein Ziel sei dem eigenen Verdienste und der 
gewaltigen Anspannung der Persönlichkeit zu fern, mußte be— 
sonders die Reichsministerialen beherrschen, deren Mancher in 
italischer Furstenwürde sein Leben beschloß. Kein Wechsel der 
Lebensstellung war in diesem Stande mehr unerhört; das 
Bewußtsein, Herr seines Glückes zu sein, erfüllte ihn ganz und 
gab ihm einen wahrhaft poetischen Schwung. Dazu kam der 
internationale Einfluß der Kreuzzüge; man lernte die kühne 
Wagelust des normännischen Adels, das Liebesleben und die 
frohe Sinnlichkeit des Südfranzosen kennen und schätzen. Bald 
erwachte der Eifer der Nachahmung; der gesellige Verkehr wurde 
vergeistet und durch poetische Sitten belebt, die erhöhte geistige 
Regsamkeit, die gesteigerte Phantasie traten in ihre Rechte. 
Die schöne Zeit des ersten deutschen Minnelebens mit ihrem 
jünglingshaft-idealen Streben stieg herauf. Der innerlicher an— 
gelegten Frauennatur wurde stürmische Verehrung dargebracht; 
auch beim Manne trat die idealistische Seite der Versönlichkeit 
in den Vordergrund der Ausbildung. 
Bald fand diese Entwicklung ihren Ausdruck auf den 
geistigen Gebieten der Cultur; vor allem die Litteratur erhielt 
ein verändertes Aussehen. Die deutsche Sprache, schon in dem 
Gewirr der Kreuzzüge zu größerer Geltung gelangt, nahm jetzt 
fast das ganze Feld der schönen Litteratur in Anspruch; war
	        
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