Full text: Anhang. Bibliographie. Register (Bd. 12 = Schlußbd.)

Ueber Individualität im deutschen Mittelalter. 29 
Eigenschaften in den Allegorien der Poesie und der bildenden 
Kunst wirken. Besonders in der letzteren übersetzt sich die 
lebendige Vorstellung von der psychischen und ethischen Con— 
struction des Individuums gern ins Greifbare: wie oft be— 
gegnen nicht Personificationen oder Allegorien der sieben 
Tugenden oder der sieben Laster, welchen Reichthum an ähn— 
lichen Schöpfungen bieten nicht die Portalsculpturen unserer 
Dome! Dem entspricht keineswegs schon die Festigkeit in der 
Auffassung der individualen Züge, des Persönlichen am Menschen. 
Zuerst trat die Plastik gegen Ende des 18. Jahrhunderts mit 
Portraitstatuen auf, welche wirklich den Eindruck des Indivi— 
duellen machen, erst später folgte die Malerei, die es schon 
diel früher zu oft ergreifender Darstellung der Affecte, des 
Zornes, des Schmerzes, der Trauer gebracht hatte. Und nicht 
blos das Individuelle der Persönlichkeit entgieng dem forschenden 
Auge des Künstlers, auch das Einzelne innerhalb der Er— 
scheinungen der Natur entdeckte es nicht, oder fand es wenigstens 
näherer Beachtung nicht werth. Das Skizzenbuch des Villars 
de Honnecourt aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, das 
uns ein glückliches Geschick erhalten hat, zeigt nur wenige 
Spuren von Studien nach der Wirklichkeit. Die ganze Natur 
wurde allegorisiert und symbolisiert: nur als den Ausdruck, 
das Substrat des schaffenden Geistes wollte der ideale Zug der 
Zeit sie anerkennen. Die Folge war ein unglaublicher Mangel 
an objectivem Naturgefühl. In der Weingartner Liederhand— 
schrift befinden sich bei einem deutschen Liede zum Preise des 
Frühlings und einem Vagantenliede gleichen Inhalts als 
Illustration zwei Landschaften, welche diesen Mangel aufs 
Drastischste veranschaulichen. Sie bestehen durchweg aus 
Arabesken und stark ornamentierten Pflanzengebilden, zwischen 
denen Vögel, Waldthiere und Rosse lustig gruppiert sind. 
Andrerseits prägt sich schon ein scharfer Sinn und eine 
zroße Vorliebe für die Darstellung der Ereignisse des gewöhn— 
lichen Lebens aus. Die Monatsbilder in den Kalendern werden 
immer häufiger und zeigen immer mehr variierte Vorwürfe, 
auch sonst hält man gern das Typische des Alltäglichen im
	        
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