Full text: Anhang. Bibliographie. Register (Bd. 12 = Schlußbd.)

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Anhang. 
strebt nach einem reicheren Ausdruck der Gemüthszustände und 
kommt so allmälich auf die innere Motivierung der Handlungen. 
Allein nur die Anfänge dieser Kunst sind ihm geläufig; noch 
sind Ursache und Wirkung nicht so sehr durcheinander gesponnen, 
als an einander geheftet, die gegebenen Thatsachen werden nicht 
alle oder nicht voll zur Motivierung ausgebeutet. Ein Zusammen— 
wirken verschiedener Motive auf einen Entschluß findet sich noch 
selten, und wo es auftritt, zeigt es noch deutlich den Character 
einer Neuerung und leidet auch bei den größten Dichtern an 
schülerhafter Darstellung (s. z. B. Grôgorjus 1315 ff., vgl. 
633 ff.). Sehr gewöhnlich ist noch immer die Einführung teuf—⸗ 
lischer Eingebung statt jeder Motivierung von innen heraus: 
ein Gegenbild zur Personification etwa der Fortuna oder der 
Virtus in der bildenden Kunst. Indeß auch wo die Motivierung 
wirklich versucht wird, gelingt sie nur selten ganz; bald krankt 
sie an unwahrer Feinheit oder hat wenigstens eine Neigung 
zum Räthselhaften, Unerforschlichen, wie im Parcival, bald ist 
sie grob und äußerlich, an die Motive kindlichen Thuns streifend. 
So erhält das Handeln der Helden entweder den Character 
des Mystisch-Bedeutungsvollen oder es schwankt von Rath⸗ 
losigkeit zum plötzlichen Entschluß und schließt ohne eigentliche 
Peripetie als viel Lärm um Nichts ab. 
Gleichwol bezeichnen die angedeuteten Spuren mehr inner— 
licher Auffassung der Persönlichkeit eine neue Phase im Ver— 
ständniß individualer Beanlagung. Schon war diese letztere im 
Laufe der Zeiten so sehr erstarkt, daß sie sich, unbemerkt, aber 
deshalb nicht weniger kräftig, der Beobachtung der Zeitgenossen 
aufdrängte. Ihre Sonderentwicklung hatte erst recht begonnen, 
nachdem der Begriff der Nationalität sich fixiert hatte; dem 
Aufschwung deutsch-nationalen Gemeingeistes folgte der Auf— 
schwung deutscher Individualität. 
Bisher offenbarte sich der nationale Geist in erster Linie 
in der Geschichte der Gesammtverfassung; auf dem Ruin 
physiologischen Stammesgefühls sich siegreich erhebend hatte er 
sich auch die particularistische Anmaßung der Territorien bis 
jetzt kräftig fern gehalten. Wie stellte sich zu diesem Verlauf
	        
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