Full text: Anhang. Bibliographie. Register (Bd. 12 = Schlußbd.)

Ueber Individualität im deutschen Mittelalter. 35 
gieng die Neubildung eilenden Schrittes vor sich. Die wirth⸗ 
schaftliche Ordnung, welche jetzt unter starker Heranziehung von 
Arbeit und Capital zur Gesammtproduction ins Leben trat, 
trug an sich die Bedingungen zur vollständigen Loslösung — 
und damit schädlichen Isolierung — des Individuums in ihrem 
Schoos: es war denkbar, daß die neue Entwicklungsphase an 
eigener Ueberkräftigkeit zu Grunde gehen würde. Da erstand aus 
längst vorhandenen Anfängen die wirthschaftliche Genossenschaft 
und barg das Individuum in ihrem schützenden Rahmen. Sie 
war keine Sammlung von Capitalien in der Weise der Fundation 
unsrer heutigen Genossenschaften, sie zog die Persönlichkeit nicht 
blos als Vertreterin einer Geldsumme in ihren Bereich, sondern 
sie umfaßte dieselbe ganz mit ihrem Thun und Lassen, mit ihrem 
Lieb' und Leide. Wer in sie eintrat, der gab seine Person an 
das corporative Band dahin, aber nur, um sie selbst, und mehr 
als sie, wiederzugewinnen. Denn die Corporation war fast die 
einzige und für die meisten Bürger zugleich obligatorische 
Bildungsschule des Characters; nach allen Seiten hin erstreckte 
sie ihren Einfluß, sie durchdrang jede Festesfreude, sie gab dem 
religiösen Gefühl einen erhebenden Gesammtausdruck, sie sorgte 
für die leibliche Existenz, ja oft für den Familienfrieden der 
Genossen. Während die spätere Ritterschaft sich nahezu ein⸗ 
seitig im falschen Zirkel des Minnedienstes bewegte, waren die 
corporativen Bildungen darauf aus, ihren Mitgliedern durch 
allseitige Durchbildung Selbstbeherrschung anzuerziehen als 
Correlat wirthschaftlicher Freiheit. Die Polizei der Zünfte be— 
förderte ehrenhaften und redlichen Sinn und lenkte die Neigungen 
auf höhere Interessen, indem sie die ungezügelte Freiheit der 
Concurrenz mäßigte; sie regelte die Beförderung der Zunft— 
angehörigen durch Aufstellung der Kategorien von Meister, Ge— 
selle und Lehrling und erleichterte durch Zusicherung gegen⸗ 
seitiger Hilfe die drückendsten Tagessorgen des Individuums. 
Ihre Thätigkeit war keine negative, sondern eine wesentlich 
vositive, erziehende. 
Und bald stand die einzelne Zunft nicht mehr für sich 
allein da; das Band gemeinsamen Strebens schlang sich um 
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