Ueber Individnalität im deutschen Mittelalter. 39
leben sind ihre Hauptstützen. Damit war für die charactervolle
Erziehung der Kinder der Weg geebnet und eine Durchbildung
der Persönlichkeit schon von den ersten Jahren ab ermöglicht.
Auf die moralische Erziehung der Familie aber folgte die wirt—
schaftliche der Corporation, die politische des Staates.
Welch einen Fortschritt weist die Reihenfolge dieser Kreise
gegenüber den Zuständen in den ersten Jahrzehnten deutscher
Nationalität auf! Damals herrschte wirthschaftlich die Dorf⸗
gemeinde, rechtlich die Familie über das Individuum. Die
oekonomischen Interessen also waren aufs Einheitlichste geordnet;
einheitlicher sogar, als die rechtlichen — aber grade sie bedürfen
der größten Mannigfaltigkeit in der Entwicklung, während ein
für alle Individuen gleich starkes und gleich nahes Recht die
auseinander strebenden Tendenzen zusammen halten soll. So
war es jetzt geworden: die wirthschaftliche Führung des In—
dividuums hatte die Corporation innerhalb der Grenzen des
Rechts übernommen; das Recht wiederum war der wirth—
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wickelt. Die Familie endlich hatte die zartere Durchbildung der
Persönlichkeit zu ihrer ersten Aufgabe erhalten. Das Leben
selbst war verschiedenartiger, verwickelter geworden — aber es
hatte auch unendlich gewonnen an innerem Gehalt, an Fein⸗—
heit, an Individualisierung. Schon früh muß den hervor—
ragenderen Zeitgenossen dieser Fortschritt dunkel zum Bewußtsein
gekommen sein, und sehr bald äußerte sich diese Erkenntniß in
einer Reaction gegen die hergebrachten philosophischen Ansichten.
Man drängte über den flachen Standpunct hinaus, welcher das
Seelenleben nur vereinzelt faßte und vom Kampfe mit der
gemeinen Wirklichkeit losgelöst unter Glas und Rahmen be—
trachtete; man versuchte die Individuen in ihrer Gesammtheit
und ihrer Wechselwirkung zu begreifen. Aber der großen An—
zahl gelang es kaum, hierbei die individuale Verschiedenheit
festzuhalten, und daher klagen große Meister, wie z. B. Thomas
von Aquino, über die Verbreitung und Beliebtheit, deren sich
die Lehre des Averroes von der Einheit des unsterblichen In⸗
tellects erfreue. Schon Duns Scotus (f 1308 zu Köln) rang