Tonkunst.
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worden sind. Einige dieser Vorgänge kann bekanntlich jeder
leicht bei sich hervorrufen; als bewußte Empfindungen in
außerordentlicher Ausdehnung der möglichen Kombinationen,
sowie auch in dem heutigen Umfang ihrer — bewußten — Ver—
breitung sind es doch ziemlich moderne Erscheinungen!.
Einer der frühesten bewußten deutschen „Synoptiker“ ist
der wunderliche E. T. A. Hofmann gewesen: „nicht sowohl
im Traume als im Zustande des Delirierens, der dem Ein—
schlafen vorhergeht, vorzüglich wenn ich viel Musik gehört habe,
finde ich eine UÜbereinkunft der Töne, Farben und Düfte. Es
kommt mir vor, als wenn alle auf die gleiche geheimnisvolle
Weise durch den Lichtstrahl würden und sich dann zu einem
wundervollen Konzert vereinigen müßten. Der Duft der dunkel—⸗
roten Nelken wirkt mit sonderbarer magischer Gewalt auf mich;
unwillkürlich sinke ich in einen träumerischen Zustand und höre
dann, wie aus weiter Ferne, die anschwellenden und wieder
verfließenden Töne des Bassethorns.“ Von Hofmann ab mehren
sich aber verwandte Erscheinungen bei unsern Dichtern und
Künstlern, — bis der Übergang der Empfindungen von gewissen
Richtungen unserer modernen Lyrik, wie schon einmal an—
deutungsweise von der extremen Romantik, als etwas ganz Ge—
wöhnliches behandelt wird. Davon wird später noch zu sprechen
sein; hier sei nur an die merkwürdigen Beziehungen von
Malerei und Musik bei Feuerbach erinnert und an die mit be—
sonderer Treue aufgezeichneten Empfindungen Otto Ludwigs,
dem z. B. bei dem Gedanken an Schiller und Goethe bestimmte
Farbenerscheinungen auftraten, dem Musik und Farbenerschei⸗
nungen durcheinander gingen, und der bei dergleichen Phäno—
Freilich geht eine der geistreichsten Theorien über die Entstehung
der Sprache, die von K. W. Ludwig Heyse, von der Anschauung aus, daß
schon in der frühesten Zeit jedem äußeren Eindruck, auch dem durch das
Auge vermittelten, unbew ußt eine Klangvorstellung entsprochen habe —
und daß diese Klangvorstellungen in Laute umgesetzt worden seien. Ent—
präche diese Hypothese über die Entstehung der Sprache der Wirklichkeit,
so wäre ein neues, überaus charakteristisches Moment für die Ver—
aleichung von Gegenwart und Urzeit gewonnen.