Full text: Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

Kanal, der das Kulturwerk eines direkten Wasserweges zwischen dem 
Westen und dem Osten Deutschlands verwirklichen sollte, kühlten sie 
ihr Mütchen. Sie wußten aus Erfahrung, daß ihnen im Staate der 
Lohenzollern kein ernsthaftes Leid zugefügt werden würde, daß sie als 
Klasse fester saßen, wie die Minister, die ihr Amt von Königsgnaden aus 
üben: ein Klassenbewußtsein, das seinen unverhüllten Ausdruck in dem 
famosen, mit tosendem Beifall aufgenommenen Wort des Lerrn von 
Diest-Daber gefunden hat: „Die Minister können uns — sonst was!" 
Es gehörte zu diesen Kriegserklärungen kein besonderer Mut, von allen 
möglichen Leuten ward auf den Sturz Caprivis hingearbeitet. Namentlich 
die äußerst rührige Clique um Bismarck tat alles, den Nachfolger des im 
Sachsenwald Ränke spinnenden emeritierten Reichskanzlers herabzusetzen 
und zu isolieren. Die Magnaten der Industrie waren höchst unzufrieden, 
daß der Landelsminister von Berlepsch und der Minister des Innern von 
Bötticher etwas arbeitersreundliche Sozialreform betrieben; das ihnen von 
letzterem auf einem Festmahl zugerufene „meine Lerren, wir arbeiten ja 
nur für Sie" entwaffnete ihren Zorn nicht, sie wollten auch dem Staat 
gegenüber die „Lerren im Lause" sein. Den Bureaukraten und Groß 
herren im Osten paßte Caprivis versöhnliche Polenpolitik nicht, sie wollten 
eine Politik der starken Faust und arbeiteten den Bestrebungen des 
Ministers, wo sie konnten, nach Kräften entgegen, und den bismarckgläubigen 
Philistern ward in der Lardenschen „Zukunft" offenbart, daß die polen 
freundliche Politik der preußischen Regierung in Petersburg sehr ver 
schnupft» werde und so einen weiteren Beweis für die diplomatische An 
fähigkeit Caprivis liefere. Andere Elemente der besitzenden Klassen konnten 
es nicht vertragen, daß die Sozialdemokratie sich leidlich frei bewegen 
durfte. Das alles waren nun Leute, die in den Regierungsbureaus 
einflußreiche Verbindungen hatten, und Caprivi fand sich auf Schritt 
und Tritt von Elementen umgeben, die seiner Politik Steine in den 
Weg legten. 
Da brachte eine Amsturzvorlage, für die der preußische Ministerpräsident 
Eulenburg die Ermordung des Präsidenten der französischen Republik, Sadi 
Carnot, durch den italienischen Anarchisten Caserio zum Anlaß genommen 
hatte, sowie der Empfang einer ostpreußischcn Deputation des Bundes der 
Landwirte durch den Kaiser das Faß zum Überlaufen. Noch am 6. Sep 
tember 1894 hatte Wilhelm II. auf dem Festmahl der Vertreter der Pro 
vinz Ostpreußen diesen vorgerechnet, daß in vier Jahren 110 Millionen 
Mark aus Staatsmitteln für Meliorationen usw. in Ost- und Westpreußen 
verausgabt worden seien, die Junker ermahnt, die Angunst der Zeit in 
christlicher Duldung und Loffnung auf bessere Zeit zu ertragen, und eine 
Opposition preußischer Adliger gegen den König für ein „Anding", für 
eine Sache erklärt, die „nur dann Berechtigung hat, wenn sie den König 
an ihrer Spitze weiß". Am 20. Oktober aber empfing Wilhelm die Vertreter 
der Organisation, die seinem Kanzler die schärffte Opposition machte, und ließ 
ein paar Loyalitätsbeteuerungen als Beweis gelten, daß seine Worte be 
herzigt werden würden. Zugleich begrüßte er die Deputation als Anzeichen 
dafür, daß „die Ostpreußen," wozu er sie aufgefordert, „in erster Linie 
ihrem Könige in dem Kampfe für Religion, Sitte und Ordnung folgen 
würden". Das ging auf die Eulenburgische Vorlage, gegen die Caprivi
	        
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