1590 —
vention und Langeweile gehabt und auf seine Kleidung
keinen Wert gelegt haben, so daß er eher wie ein Bettler
als wie ein Millionär ausgesehen habe, und von einem
trockenen, kaustischen Humor gewesen sein, der nichts und
niemand verschonte.
Seine Schrullen
Auch in anderer Hinsicht sündigte er gegen die Kon-
vention und verblüffte die Philister: bei ihm konnte keiner,
der wie ein normaler anständiger Almosenbitter aussah,
etwas holen: er wurde barsch abgewiesen oder mit beißendem
Spott übergossen. Kam aber jemand, der das Reich der
Ehrbarkeit verlassen hatte, so pflegte er Longworth nicht
bloß zugänglich, sondern wirklich teilnahmvoll zu finden.
Der Trunkenbold, der Dieb, die Dirne, die Allerelendesten
der Menschheit konnten ihm ihre Geschichte erzählen und
Hilfe finden. Das war seine grimmige Art, einer Krämer-
gesellschaft, deren Lügen und schamlose Heucheleien er
kannte, weil er sie selbst praktizierte, eins auszuwischen.
Man hat guten Grund zu der Meinung, in ihm habe außer
dem habgierigen Geizkragen auch ein Philosoph gelebt.
Sicherlich war er ein ganz einzigartiger Millionärtypus,
Stephan Girard nicht unähnlich. Er hatte vielleicht das
Bewußtsein, wenn er den Armen und Elenden ein paar
Heller gab, daß er ihnen einen kleinen Bruchteil von dem
wiedergab, was das herrschende System dem ganzen Volke
raubte, zugunsten einiger Weniger, zu denen er in erster
Reihe gehörte.
Als er schon längst Multimillionär war, begann er ein
wildes, vielleicht spöttisches Vergnügen daran zu finden,
Dinge zu tun, die allen Vorstellungen, wie ein Millionär
zu handeln habe, Hohn sprachen. — Einmal kam ein Bettler
in das Kontor von Longworth und wies beredt auf seine
klaffenden Schuhe hin. Da streifte Longworth einen seiner
eigenen Stiefel ab und sagte zu dem Bettler, er solle ihn an-
probieren. Er paßte. Darauf gab er ihm auch den anderen.
Als der Bettler fort war, schickte Longworth einen Lauf-
burschen zum nächsten Schuhladen, um ein Paar Schuhe zu