Neue Dichtung.
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kommen? Kein Zweifel: Männerfreundschaften bedeuten nur
in seltenen Fällen noch Ineinanderfließen der Charaktere; das
Schwärmerische der Jugendfreunds chaft fehlt; Interessen drängen
sich vor, und Freundschaft heißt Bundesgenossenschaft. Und
dies starke Band hielt auch die Dioskuren zusammen; vereint
waren ihre Kräfte im Kampfe der literarischen Strömungen
ervier⸗, ja verzehnfacht, und Goethe, insbesondere aber Schiller
ist sich dessen wohl bewußt gewesen. Aber ist es dabei, ist es
auch bei der „gegenseitigen Reibung“ geblieben? Schiller hat
in einer Eintragung in das Album von Goethes ältestem
Sohne die Freundschaft zwischen ihm und dem Vater als
herzliches Band der Wechselneigung und Treue“ bezeichnet.
Und man darf sagen: so war es. Aus einer Interessen⸗
gemeinschaft zum Kampfe nach außen und zur gegenseitigen
Ergänzung entwickelte sich allmählich eine gemütvolle Schätzung
des Charakters und das Gefühl gemeinsamer Unentbehrlichkeit,
ja fast Einheit; in den Briefen bricht allmählich aus Höflich—
keit Wärme hervor; und nichts ist vielleicht charakteristischer,
als daß in ihnen schließlich auch Alltäglichkeiten, kleine An⸗
gelegenheiten des Hauses und der Familie, Raum gewinnen.
Den innersten Kern des Bundes aber hat Goethe nach
seiner Art in dem typischen Satze bloßgelegt: „Selten ist's,
daß Personen gleichsam die Hälften voneinander ausmachen,
iich nicht abstoßen, sondern sich anschließen und einander er⸗
zänzen.“
In der Tat: Hälften eines Ganzen, Hälften der deutschen
Totalität ihrer Zeit gleichsam haben Goethe und Schiller dar—
gestellt: wie das Rietschel in seiner Doppelstatue der Dichter
Weimar, diesem Denkmal aller Goethe- und Schiller—
denkmäler, verkörpert hat, dessen Nachbildung jetzt im Goldenen⸗
Tor-Park zu San Francisco auch eine andere Hemisphäre
schmückt.
Schon in der Herkunft der Dichter, ja bereits in der
Herkunft ihrer Eltern tritt dies Komplementäre ihres Wesens
— Urahnen sind Handwerker ge⸗
desen: in den untersten Schichten des Mittelstandes sind sie