Object: Material zur Lage der Bergarbeiter während des Weltkrieges

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änderte der Vertrauensmann die Tagesordnung bezw. das 
Thema dahin ab, daß der Referent über Verbandsangelegen 
heiten sprechen würde. Nachdem die Polizei auf dem dortigen 
Amt noch Schwierigkeiten machte, indem dem Einberufer gesagt 
wurde, es sei zu spät, trotzdem noch ziemlich zwei Tage Zeit bis 
zur fraglichen Versammlung waren, ging der Kassierer Romberg 
von unserer Zahlstelle Brambauer zum Landratsamt nach Dort 
mund. Dort wurde nach zweistündigen Verhandlungen und 
telephonischen Rückfragen die fragliche Versammlung mit den 
folgenden Bedingungen genehmigt: Erstens dürfe nicht über 
den Krieg, zweitenss nicht über politische Angelegenheiten und 
drittens nicht über die Lohnfrage und Teuerungszulagen ge 
sprochen werden. In der Versammlung hat dann auch der über 
wachende Gendarm noch besonders darauf aufmerksam gemacht, 
daß er Auftrag habe, nicht über die Lohnfrage sprechen zu lassen. 
In Essen verbot man eine öffentliche Versammlung am 
29. Mai, in welcher der Landtagsabgeordnete Hue reden sollte, 
vollständig. 
Da diese Eingriffe nicht nur ganz unberechtigt sind, sondern, 
statt Beruhigung zu schassen, geradezu den Burgfrieden stören, 
indem sich die Bergarbeiter über die unberechtigte Rechtlos- 
machung aufregen, so daß leicht die Allgemeinheit geschädigt 
werden kann, ersuchen wir ebenso höflich wie dringend, diese Ver 
bote aufzuheben und alle Polizeiämter anzuweisen, solche un 
berechtigte und schädliche Verbote zu unterlassen. Die Forderung 
einer Teuerungszulage für die Bergarbeiter ist in Anbetracht 
der stark erhöhten Kohlenpreise mehr als berechtigt. Die Höhe 
der geforderten Zulage, 60 Pf. pro i Schicht für Verheiratete 
und 40 Pf. für Ledige, wäre nur ein ganz geringer Ausgleich 
für die nieist hundert und mehr Prozent verteuerten Lebensmittel 
des Bergmanns. Gemüse, Kartoffeln, Speck und sonstiges 
Schweinefleisch sind meist mehr als doppelt so teuer wie vor dem 
Kriege. Eine Anzahl Zechen in Westfalen haben ähnlich hohe 
Zulagen bewilligt. In den Außenrevieren war das fast durch 
weg der Fall. Aber einige Zechen in Rheinland-Westfalen 
weigern sich entschieden, nennenswerte Zulagen zu bewilligen. 
Wo das der Fall ist, wollen und müssen dann die Arbeiteraus- 
schüssc in Belegschasts- oder Mitgliederversammlungen über die 
Verhandlung des Arbeiterausschusses mit der Zechenverwaltung 
berichten. Die von uns hingesandten Referenten wirken nicht 
aufhetzend, sondern im Gegenteil. Sie setzen den Leuten aus 
einander, daß zur Zeit das Streiken nicht angängig ist, daß die 
Arbeiter ihre berechtigten Forderungen nur aus friedlichem 
Wege vertreten und erreichen können. Wo solche Versammlungen 
stattfanden, sind die Arbeiter nicht erregter geworden, sondern
	        
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