2. Die Volkswirtschaft.
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gemäß dem jeweiligen Entwicklungsstände der Technik jede Kraft an der Stelle
in den Dienst des Ganzen treten kann, wo sie diesem am meisten nützt.
Hat der Liberalismus die ganze Fortentwicklung der Volkswirtschaft auf den
Boden der freien gefellschaftlichen Betätigung gestellt und darum vielfach eine
geradezu staatsfeindliche Richtung eingehalten, so hat er doch nicht zu verhindern
vermocht, daß der moderne Staat als solcher sich in der Richtung weiter ausgebildet
hat, welche er feit dem 16. Jahrhundert eingeschlagen hatte: in der Richtung eines
immer engeren Zusammenschlusses aller Teile des Volkes und des Staatsgebietes
zur Erfüllung immer höherer Kulturaufgaben. Alle großen Staatsmänner haben
feit drei Jahrhunderten an diesem Ziele mitgearbeitet: von Cromwell und Colbert
bis auf Cavour und Bismarck. Die französische Revolution hat nicht minder zen
tralisierend gewirkt wie die Staatsumwälzungen der letzten Jahrzehnte. In der
neuesten Phase dieser Entwicklung ist das Nationalitätsprinzip zu einem
Grundsätze von gewaltiger zusammenfassender Kraft geworden. Die kleinen Terri
torialstaaten der älteren Zeit waren den umfassenden wirtschaftlichen Aufgaben der
Gegenwart nicht mehr gewachsen. Sie mußten entweder untergehen in einem großen
Nationalstaat, wie in Italien, oder zugunsten eines Bundesstaates namhafte Teile
ihrer Selbständigkeit, insbesondere die Wirtschaftsgesetzgebung, aufgeben, wie im
Deutschen Reiche die Einzelstaaten, in der Schweiz die Kantone.
Es ist ein Irrtum, wenn man aus der im liberalen Zeitalter erfolgten En
leichterung des internationalen Verkehrs schließen zu dürfen meint, die Periode der
Volkswirtschaft gehe zur Neige und mache der Periode der Weltwirtschaft Platz.
Gerade die neueste politische Entwicklung der europäischen Staaten hat ein Zurück
greifen auf die Ideen des Merkantilismus und teilweise der alten Stadtwirtschaft
zur Folge gehabt. Das Wiederaufleben der Schutzzölle, das Festhalten an der
nationalen Währung und der nationalen Arbeitsgesetzgebung, die schon vollzogene
oder noch erstrebte Verstaatlichung der Verkehrsanstalten, der Arbeiterversicherung,
des Bankwesens, die wachsende Staatstätigkeit auf ökonomischem Gebiete überhaupt:
alles dies deutet daraus hin, daß wir nach der absolutistischen und liberalistischen
in eine dritte Periode der Volkswirtschaft eingetreten sind. Dieselbe trägt ein eigen
artig soziales Gesicht; es handelt sich nicht mehr bloß um möglichst selbständige und
reichliche Deckung der nationalen Bedürfnisse durch nationale Produktion, sondern
um gerechte Güterverteilung, um eigene gemeinwirtschaftliche Betätigung des Staates,
mit dem Ziele, alle seine Angehörigen nach ihren wirtschaftlichen Leistungen an
den Gütern der Kultur zu beteiligen. Die erforderlichen Maßregeln können nur
auf großer Stufenleiter ausgeführt werden; sie bedürfen eines innigen Zusammen
schlusses aller Einzelkräfte, wie sie nur der große Nationalstaat zu bieten vermag.
Gewiß sehen wir heute in Europa eine Reihe von Staaten, welche der nationalen
Selbständigkeit in ihrer Güterversorgung in so fern entbehren, als sie erhebliche
Mengen ihrer Nahrungs- und Genußmittel aus dem Auslande zu beziehen genötigt
sind, während ihre industrielle Produktionsfähigkeit weit über das nationale Bedürfnis
hinausgewachsen ist und dauernd Überschüsse liefert, die auf fremden Konsumtions
gebieten ihre Verwertung finden müssen. Aber das Nebeneinanderstehsn solcher
Industrie- und Rohproduktionsländer, diese „internationale Arbeitsteilung" ist nicht
als ein Zeichen anzusehen, daß die Menschheit eine neue Stufe der Entwicklung zu
erklimmen im Begriffe steht, die unter dem Namen der Weltwirtschaft den
drei früheren Stufen gegenübergestellt werden müßte. Denn einerseits hat keine
Wirtschaftsstufe volle Selbstherrlichkeit der Bedürfnisbefriedigung auf die Dauer
garantiert; jede ließ gewisse Lücken bestehen, die so oder so ausgefüllt werden mußten.
Anderseits hat jene sog. Weltwirtschaft bis jetzt wenigstens keine Erscheinungen her
vortreten lassen, die von denen der Volkswirtschaft in wesentlichen Merkmalen ab-